Interview mit Prof. Henning Wackerhage: Fitte und gesunde junge Menschen haben ein geringes Risiko für einen schweren Corona-Verlauf

Für den Sport ist die aktuelle Corona-Epidemie die größte Herausforderung der letzten 100 Jahre. Henning Wackerhage, Professor für Sportbiologie an der Technischen Universität München (TUM), hat zusammen mit Kollegen der Universitäten Gießen, Glasgow, Hildesheim, Mainz und Padua sowie des Max-Planck-Instituts für Biochemie die Wechselwirkungen zwischen Sport und Corona-Pandemie analysiert. Im Interview erläutert er ausgewählte Ergebnisse der Untersuchung.

Sie haben zusammen mit einem Expertengremium Empfehlungen für Fitness-Studios ausgearbeitet. Können Sie uns dazu mehr erzählen?

„Wir schlagen einen detaillierten 5-Punkte-Plan vor. Der erste Punkt in unserem Fünf-Punkte-Plan sind Mitarbeiterschulungen. Die müssen die Ansteckungsmöglichkeiten kennen, müssen den Betrieb des Fitnessstudios anpassen, um Tröpfchen, Aerosol- und Schmierinfektionen zu vermeiden, und sie müssen die Maßnahmen auch mittragen.

Eine weitere Empfehlung ist, die Fitnessstudios gut zu lüften und hochintensive Belastung zu vermeiden. Wenn man Sport treibt, erhöht sich das Atemvolumen von etwa fünf bis zehn Litern pro Minute in der Ruhe auf über 100 Liter pro Minute bei untrainierten Menschen. Sehr gut trainierte Sportler erreichen über 200 Liter pro Minute. Wir wissen nicht genau, wie viel SARS-CoV-2-Viren Infizierte dabei freisetzen, aber man kann sich vorstellen, dass, wenn jemand 150 Liter pro Minute atmet, der quasi zur sprichwörtlichen Virenschleuder wird. Intensive Belastungen im Fitnessstudio sollte man also vermeiden; das sollte man dann eher im Freien machen.

Wenn man beim Krafttraining Geräte gemeinschaftlich benutzt, sollte man nach jeder Benutzung die Hanteln mit einem Desinfiziertuch abwischen, um eine Schmierinfektion zu vermeiden. Idealerweise sollte also eine Person alle Übungen durchführen und dann das Gerät desinfizieren, denn das Virus kann auf Metalloberflächen bis zu einem Tag lang überleben.

Sollte sich jemand infiziert haben, ist eine Nachverfolgung wichtig, das heißt eine Liste, wer wann trainiert hat. Über diese Liste kann dann das Gesundheitsamt sehr schnell feststellen, wer wann mit wem wie lange Kontakt hatte, gefährdete Personen umgehend testen und notfalls in Quarantäne schicken. All diese Maßnahmen würden auch für den Vereinssport funktionieren.“

Sind trainierte Personen durch ihre Fitness besser vor einem schweren Verlauf geschützt?

„Fitte und gesunde junge Menschen haben ein geringes Risiko für einen schweren Verlauf von COVID-19, sind aber nicht völlig davor geschützt. Ein gutes Beispiel ist „Patient 1“ des italienischen Covid-19-Ausbruchs, ein 38-jähriger Marathon-Läufer: Der war zwar fit, lag aber trotzdem zwei Wochen auf der Intensivstation.

Es gibt zwar keine eindeutigen Beweise dafür, dass körperliches Training die Häufigkeit akuter Atemwegsinfektionen reduziert, doch es gibt Indizien dafür, dass regelmäßige Aktivität die Schwere von Infektionen vermindert. Erwiesen ist, dass leichtes Training das Immunsystem eher stärkt, während Sportler, die sehr hart trainieren, sich eher häufiger Infekte einfangen. Hartes Training sollte man also nach Möglichkeit unterlassen.“

Was ist aus Ihrer Sicht besonders zu beachten?

„Viele Infektionen durch den SARS-CoV2-Virus geschehen durch Personen, die keine Krankheitssymptome haben. Die haben keinen Husten, die haben keinen Schnupfen, denen geht es eigentlich gut. Trotzdem sind sie infiziert und können andere Menschen anstecken. Das ist ein großes Problem, denn man kann jemanden, der infiziert ist, nicht immer an seinen Symptomen erkennen. Die Konsequenz für uns im Sport ist, das wir eigentlich jeden so behandeln müssen, als wäre er oder sie infiziert und entsprechende Schutzmaßnahmen treffen müssen – und außerhalb des Sports gilt das eigentlich genauso.

Jetzt gilt es, die positiven Effekte des Sportes zu nutzen, während man die Infektionsrisiken minimiert. Die legendären Sportphysiologen Bente Klarlund-Pedersen und Bengt Saltin haben Publikationen zu 26 Krankheiten analysiert, und für eigentlich alle gilt: Sport hat positive Effekte sowohl in der Prävention als auch in der Therapie.

Grundsätzlich gilt, wie im Arbeitsschutz, die Risiken zu identifizieren und für jede Sportart die geeigneten Maßnahmen zu erarbeiten. Mit Maßnahmen wie Abstand, Mund-Nasen-Masken, Desinfektion und einer geeigneten Nachverfolgung kann man die meisten Sportarten wieder guten Gewissens machen.“

#GesundheitBrauchtFitness

Den Bezug zum Konzept #GesundheitBrauchtFitness, das vom Deutschen Industrieverband für Fitness und Gesundheit (DIFG e.V.) ins Leben gerufen wurde, bringt Prof. Henning Wackerhage wie folgt auf den Punkt:

„Wir haben aber für den DIFG zusammen mit Autoren mit unterschiedlichen Kompetenzen (Betriebsärztin, Virologe etc) unabhängig ein Konzept geschrieben, bei dem wir die SARS-CoV-2-Gefahren im Fitnessstudio identifiziert haben. Hier haben wir dann untersucht, wie man diese Gefahren kontrolliert. Uns war es wichtig, dass nur die Ziele des Konzepts (also SARS-CoV-2-Gefahrenkontrolle) mit der DIFG vereinbart wurden, nicht aber der Inhalt.“

So gab es beispielsweise eine Rückfrage seitens der DIFG zu Risikogruppen, bei denen zunächst empfohlen worden war, dass Menschen mit einem bestimmten Risikoprofil zum jetzigen Stand überhaupt nicht ins Studio gehen sollten: „Wir haben dann die Rückfrage in der Forschergruppe diskutiert und zusätzlich empfohlen, dass Mitglieder mit stark erhöhtem Risiko dies auch mit Ihren Ärzten und Ärztinnen besprechen können und das, wenn die einen Besuch befürworten, diese Mitglieder dann unter besonderen Vorsichtsmaßnahmen im Fitnessstudio trainieren können.“

Ergänzende Infos

Das Konzept kann im Downloadbereich der Kampagne kostenlos heruntergeladen werden: #GesundheitBrauchtFitness

Eine Zusammenfassung des Maßnahmeplanes findet man hier.

Quelle

H. Wackerhage, R. Everett, K. Krüger, M. Murgia, P. Simon, S. Gehlert, E. Neuberger, P. Baumert: Sport, Exercise and COVID-19, the Disease Caused by the SARS-CoV-2 Coronavirus
Dtsch Z Sportmed., Online, 28.05.2020: https://www.germanjournalsportsmedicine.com/archiv/archive-2020/issue-5/sport-exercise-and-covid-19-the-disease-caused-by-the-sars-cov-2-coronavirus/