Beratung & Betreuung
shape UP Business 2/2021

Wenn Yoga auf Psychologie trifft

Yoga und Psychologie sind zwei Themenfelder, die sich durch ihren ganzheitlichen Ansatz perfekt ergänzen. Beide vereinen in sich Körper und Geist, entfalten aber erst in Verbindung ihr besonderes Potenzial, gerade bei der Betreuung von Kunden.

Elisa Dambeck
Lesezeit: ca. 4 Minuten
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Zu den fundamentalen Erkenntnissen der Psychologie gehört es, dass Emotionen, Gefühle, Gedanken und Glaubenssätze im Körper gespeichert und durch unsere Körperzellen widergespiegelt werden. Man nennt dieses Phänomen Embodiment.

So fühlt man sich zum Beispiel mit einer eingefallenen Körperhaltung unsicherer, als wenn du dich mit stolzer Brust und einer aufgerichteten Haltung durch den Raum bewegst. Andersherum sind psychische Empfindungen auch körperlich spürbar. Daher kommen auch Redewendungen wie „einen Kloß im Hals haben“ oder dass uns etwas „auf den Magen schlägt“. Der Körper steht mit unserer Psyche in einer ständigen Wechselwirkung. Genau diese Erkenntnis lässt sich mit der Kombination aus Yoga und Psychologie nutzen, um die Mitglieder im Studio entsprechend ihrer körperlichen und seelischen Bedürfnisse betreuen und coachen zu können.

Besonderheiten des Yoga

Yoga ist nicht nur Bewegungslehre, sondern verkörpert – im wortwörtlichen Sinne – eine jahrtausendealte, spirituelle Philosophie Indiens. Die hinduistische Kultur trägt den Glauben an Verbundenheit in sich und dass alles zusammen gehört. Yoga bietet auch heute noch die perfekte Möglichkeit, sich ganz ohne Druck und Leistungsgedanken zu bewegen und auf eine einzigartige Art und Weise Zugang zum eigenen Körper zu finden.

Erstaunlich ist, dass sich moderne, wissenschaftliche Erkenntnisse in der Yoga-Philosophie wiederfinden lassen. Zum Beispiel besagt ein Grundsatz der systemischen Psychotherapie, dass jeder Mensch seine eigene, subjektive Realität in Abhängigkeit seines Umfelds und seiner Genetik schafft. Bei neuen Erfahrungen sucht das Gehirn quasi wie eine Suchmaschine unterbewusst nach Erinnerungen und Informationen, die dann als Schablone für Neues dienen. Auch im Yoga liegt der Fokus darauf, dass jedes Individuum eine eigene Vorstellung und Wahrnehmung der Realität hat. Yoga ist die Sportart, bei der Individualität eine entscheidende Rolle spielt, ohne sich mit anderen zu vergleichen. Es geht vielmehr darum, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und eine eigene, wohltuende Yoga-Praxis zu finden.

Ardha Matsyendrasana, der halbe Drehsitz, ist eine Haltung des Annehmens – und eine Wohltat für die Wirbelsäule. Jonas Schulze

Yoga meets Psychologie

Dass sich Yoga und Psychologie in der Praxis miteinander verknüpfen lassen zeigt Elisa Holderied. Sie ist Psychologin, Yogalehrerin und Fitnesstrainerin. Ihre Arbeit in diesen drei Arbeitsbereichen hat sie zur Erkenntnis gebracht, dass alles zusammen- und in einen ganzheitlichen Ansatz aus Psyche, Yoga und Bewegung gehört. All ihre Erfahrungen bringt sie bei der Betreuung ihrer Teilnehmer und Kunden mit ein.

Holderied betont den individuellen Ansatz ihres Konzepts. Ihrer Ansicht nach kann fundiertes, psychologisches Hintergrundwissen eine tiefgründige körperliche und geistige Veränderung bewirken. Menschen seien alle vollkommen unterschiedlich, hätten andere Bedürfnisse, Fragen und Baustellen. In ihrem Betreuungskonzept gebe es daher keinen festgelegten Fahrplan, denn es gehe schließlich um ein Individuum. Deshalb betreut sie hauptsächlich in Einzelcoachings, wobei das Verhältnis von Psychologie und Yoga dann je nach Wünschen und Bedürfnissen angepasst wird. Genau wie bei ihrer Arbeit als Psychotherapeutin nimmt sie einen Perspektivwechsel vor, um sich in die jeweilige Person hineinzuversetzen.

Daneben bietet sie aber auch Kurse und Workshops für Gruppen an. Hier komme der ganz besondere Aspekt des Empowerments dazu, also eine starke Gruppenkraft. Beispielsweise können sich Freunde anmelden, die einen spezifisch abgestimmten Kurs Yoga & Psychologie zum Thema Freundschaft besuchen. Zukünftig sollen auch Kurse und Coachings für spezifische psychische und physische Krankheitsbilder angeboten werden.

Einen Kurs Yoga & Psychologie kann man sich dann in etwa so vorstellen: Zu Beginn wird eine bestimmte Yoga-Haltung eingenommen und in ein psychologisches Thema wie Liebe, Bedürfnisse, innere Unruhe oder Freundschaft eingeführt. Danach folgt ein abgestimmter Yoga-Flow, um sich dem Thema auch körperlich zu öffnen. Im letzten Drittel wird ein Ruhemoment durch eine passende meditative oder psychologische Übung geschaffen, um die Stunde abzurunden.

Nach Elisa Holderieds Erfahrungen kann man sich gegenüber psychologischen Themen besser öffnen, wenn Bewegung mit dazu kommt. Menschen seien oft in ihrem Kopf – also im rationalen Teil – gefangen. Durch Bewegung reduzieren sich Abwehrmechanismen und selbst manipulierende Gedanken. Man bekommt im wortwörtlichen Sinne den Kopf frei und ist empfänglicher für emotionale Themen.

Wer profitiert?

Yoga mit Psychologie kombiniert spricht vor allem Menschen an, die sich mehr mit sich selbst auseinandersetzen wollen. In der schnelllebigen und leistungsorientierten Gesellschaft haben sich viele von sich selbst entfernt. Daraus resultiert eine Vielzahl psychologischer Erkrankungen. Oft liegt der Fokus darauf, stark zu sein, etwas zu leisten, zu machen und zu tun. Echten Gefühlen und Bedürfnissen wird dadurch zu wenig Platz gegeben. Emotionen herauszulassen wie beispielsweise einen Wutanfall zu bekommen, hemmungslos zu weinen oder vor lauter Lachen nicht mehr sprechen zu können, gehören dazu. Werden diese nicht befriedigt, weil sie unterdrückt oder gar nicht erst zugelassen werden, entsteht Unzufriedenheit und ein seelisches Ungleichgewicht.

Statistisch gesehen erfüllt jeder Mensch mindestens einmal in seinem Leben die Kriterien für eine psychische Ausnahmesituation, bis hin zur Krise. Die meisten geben ihre Probleme in solchen Phasen nicht zu, aber eine Krise, Angst und Verzweiflung sind normal und betreffen jeden, weiß Holderied. Entscheidend sei es dann, Hilfe auch zuzulassen und aus solchen schwierigen Situationen zu wachsen.

Zu Holderieds Kunden zählen daher auch zum Beispiel Menschen, die sich besonderen Herausforderungen gegenüber sehen: die sich entfremdet fühlen, in einer Lebenskrise stecken, mit einer psychischen Vorgeschichte oder bestimmten Sorgen und Ängsten kämpfen. Gleichzeitig kommen Kunden mit ganz alltäglichen Zielen kommen zu ihr, weil sie sich mit einer bestimmten Frage beschäftigen, sich weiterentwickeln oder schlichtweg ganzheitlich fit werden und gesund bleiben möchten.

Dieser Artikel ist erschienen in

shape UP Business 2/2021

Erschienen am 22. Juni 2021