Deutschland gilt international als abgehängt, wenn es um Innovation und Geschwindigkeit geht. Zumindest, wenn man der üblichen Presseberichterstattung glauben schenkt. Dabei ist Innovation ein Handwerk, das jeder erlernen kann. Wenn man nur will. Dr. Niels Nagel, Professor für Sportmanagement und der Digitalisierungs-Experte Ralph Scholz haben – speziell für die Fitnessbranche – ihre eigene Meinung dazu. shape UP Business fragt kritisch nach.

Wie ist es in Innovationsfragen um das Fitnessland Deutschland bestellt?

Scholz: Man kann es direkt und einfach sagen. Deutschland genießt international immer noch einen hervorragenden Ruf, wir reden uns selbst schlechter als wir sind. Wir müssen allerdings aufpassen, dass wir bei der Digitalisierung nicht noch weiter überholt werden. Es ist unbestritten: Wir sind von unserer Kultur her eher die Abwartenden. Das kann man für gut oder schlecht befinden. Für beides gibt es Erfolgsgeschichten. Richtig ist aber auch, dass der internationale Druck zum Mithalten groß ist. Niemand weiß, was die richtige Geschwindigkeit ist. Halbwegs sicher ist aber, dass schneller kaum nachteilig sein kann. Aber das will trainiert werden.

Nagel: Im Allgemeinen zeichnet sich Deutschland als Standort aus, an dem immer wieder Innovationen initiiert werden. Aber nicht nur im großen Rahmen, denken wir zum Beispiel an die SAP AG, deren Software weltweit bekannt ist. Ohne Innovationskraft in der Breite wäre Deutschland nicht das Land der Hidden Champions. Die Zeitschrift Wirtschaftswoche weist bereits 2018 darauf hin, dass es hierzulande 1.500 bis 2.000 Weltmarktführer gibt. Auch im Hinblick auf den Fitness-Markt nehmen wir wahr, dass man international sehr neugierig auf die Entwicklungen der deutschen Unternehmen ist. Und zwar in Bezug auf die gesamte Wertschöpfungskette. Angefangen von der Fitness-Industrie, den Geräten und Angeboten bis hin zur qualifizierten Betreuung der Mitarbeiter und der Fähigkeit, neue Zielmärkt zu erschließen. Nehmen wir als Beispiel die Implementierung digitaler Fitness-Geräte. Ich bin mir sicher, dass diese in Deutschland am intelligentesten in den Fitness-Clubs implementiert wurden, um die Produktivität zu optimieren. Oder Exergaming als Möglichkeit, virtuelles Gaming und körperliche Aktivität motivierend zu entwickeln. Mit Blick auf die deutsche Fußball-Nationalmannschaft können wir jedoch auch feststellen, Weltmeister bleiben ist schwerer als Weltmeister werden. Daher sollten wir weiter den Blick nach vorn richten und uns fragen: Was müssen wir tun, um auch morgen erfolgreich zu sein?

Worin liegen die Ursachen, wenn Unternehmen nicht schnell genug handeln?

Scholz: Wie erwähnt sehe ich da einerseits die kulturellen Gründe. Deutschland ist vom Stil her ein Ingenieursland. Das hat eine lange Tradition, auf die man zu Recht stolz sein kann. Wir sind eben Perfektionisten. Das sieht man ganz klar in der technischen Qualität deutscher Produkte. Ich wünsche es jedem Unternehmen, hier jederzeit spitze zu sein. Aber die Digitalisierung ist irgendwie auch Sport. Man muss den Willen haben, aufs Feld zu gehen und zu spielen. Auch wenn man verlieren kann. Im Fitnessbereich kommen viele einzelne Innovationen aus Europa. Was noch fehlt ist die Bereitschaft, sich miteinander stärker zu vernetzen – im Team zu arbeiten. Das täte uns allen gut. Es gibt so viele tolle Ansätze bei unseren heimischen Unternehmen, aber wir müssen in der breiten Masse noch viel mehr Mut haben und Digitalisierung und Innovation nicht nur als Produkt-, sondern auch als Sinnfrage auffassen. Das ist nicht einfach ein Trend, den man aussitzen kann, indem man mehr Bildschirme irgendwo verbaut.

Nagel: Ich beziehe diese Frage darauf, wieso ein Innovationsdruck am deutschen Fitness-Markt herrscht. Ursachen können zum einen in den Herausforderungen gesehen werden. Beispielhaft stellt sich die Frage nach dem Restpotential des Marktes für die klassische Mitgliedschaft im Fitness-Club. Jeder Markt tritt irgendwann in eine Sättigungsphase ein. Daher benötigen wir neue Angebotsformen, um attraktiv zu bleiben. Hier sind es z. B. die Aggregatoren als Business-Modelle, die als ein Treiber im positiven Sinne der Marktentwicklung gesehen werden können. Auch gilt es, den sich wandelnden Bedürfnissen der nachfolgenden Generationen gerecht zu werden. Auf der anderen Seite gibt es viele Chancen, die wir durch innovatives Agieren ergreifen können. Fitnesstraining mit seinen positiven Wirkungen auf Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Lebensqualität kann als ein Fundament der modernen Gesellschaft gesehen werden. Ich sehe hier neue Zielmärkte, auf denen sich die Fitness-Branche als Kompetenzträger weiter positionieren kann: Prävention, BGM, Schulen, Fitness als Bewegungsangebot im urbanen Raum und einige mehr.

„Wir müssen Fitness neu denken, wenn wir weiter wachsen wollen. Dazu brauchen wir Innovation!“ – Prof. Dr. Niels Nagel

Was raten Sie den Unternehmern?

Scholz: Zuallererst brauchen wir das Bewusstsein, dass Digitalisierung sich nicht nur im Produkt zeigt. Das erfasst die gesamte Wertschöpfungskette. Die möglichen Denk- und Arbeitsfelder reichen dabei in Bereiche hinein, die wir heute noch gar nicht erahnen können. Man kann aber daran arbeiten, all diese Informationen besser zu nutzen, um für den Kunden bessere Dienste zu erschaffen. Wohlgemerkt: über die gesamte Wertschöpfungskette und alle Tätigkeitsbereiche. Es gibt unfassbar viele neue Geschäftsmodelle, die noch nicht erfunden sind. Ich will allen Unternehmern Mut machen: Auch aus dem alltäglichsten Produkt kann man völlig neue Ideen entwerfen. Aber man muss wollen. Dauerausreden wie „keine Zeit“ und „kein Geld“ bringen niemanden weiter. Wer heute nicht handelt, legt den Grundstein für künftiges Versagen. Es gibt keine Entschuldigung, erst nächstes Jahr mit den ersten Schritten anzufangen.

Nagel: Ich sehe eine Herausforderung darin, mit Unternehmen wie Google oder Apple Schritt zu halten. Diese sind hochinnovativ, äußerst kapitalstark und besitzen eine hohe Marktdurchdringung in ihren Ursprungsmärkten. Diese wenden sich nun dem Fitness-Markt zu. Hier sollte die Fitnessbranche nicht nur auf die ausgezeichnete Erfahrung am Markt vertrauen, sondern auch auf qualifizierte Mitarbeiter. Zu den Qualifikationsmerkmalen, die künftig relevant sind, zählt auch das Management von Innovation. Die Qualifizierung der Mitarbeiter sollte sich nicht nur auf Wissen beschränken, sondern auch die praxisorientierte Anwendung von Wissen fokussieren.

Qualifizierte und innovative Konzepte machen ein Unternehmen zum Siegeralphaspirit / Shutterstock.com
Qualifizierte und innovative Konzepte machen ein Unternehmen zum Sieger

Woran liegt es, wenn zu wenig getan wird?

Scholz: Auf die Gefahr hin, dass ich mich bei einigen guten Freunden unbeliebt mache … der Fisch stinkt vom Kopf. Wer, wenn nicht der Inhaber oder die Geschäftsführung, setzt die Impulse? Wenn ich nicht nur als innovativ gelten will, sondern es auch tatsächlich sein möchte, dann müssen Worten sehr schnell Taten folge. Genau an dieser Stelle hapert es. Wir haben heute alle extrem viel zu tun. Die Verantwortung tut ihr Übriges. Zeit zu investieren bedeutet auch, einer Sache Aufmerksamkeit zu schenken. Woher diese Zeit nehmen zwischen Dauerdruck und unzähligen Veranstaltungen? Die enorme Beschleunigung des täglichen Lebens verdeckt die Notwendigkeit, hier tätig zu werden. „Wenn wir mal Zeit“ haben“, ist da sicher ein beliebter Satz. Er ist im individuellen Kontext immer richtig und man muss das auch nicht als persönliches Versagen hinstellen. Im globalen Kontext aber müssen wir handeln, weil sonst das Risiko steigt, dass uns die anderen wegfegen.

Nagel: Ich glaube, dass man das so nicht sagen kann. Die Fitnessbranche ist ein hochdynamischer, sehr komplexer Markt. Wie beschäftigen uns ja nicht nur mit der Kaufentscheidung eines Kunden, sondern vor allem auch mit dessen Bindung. Hier entsteht für viele Akteure des Fitnessmarktes die Rentabilität. Des Weiteren: In der Fitnessbranche denken wir nicht nur über prinzipiell Neues, sondern auch über Qualität nach. Wenn das von außen als langsam gesehen wird, entspricht das meiner Meinung nach nicht dem Handeln der Akteure.

Welche Wege aus dem Motivationsdilemma gibt es?

Scholz: Es muss der Tag kommen, an dem man einen ersten Schritt macht. Das kann der Besuch einer Digitalkonferenz sein, das Lesen eines Buches oder das Besuchen einer Fortbildung. Angebote gibt es reichlich. Ich bin wirklich kein Motivationsredner, aber auch die größte Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Es gibt wirklich hervorragende Angebote dafür, wie man diese erste Hürde nimmt. Ich stehe da natürlich gerne mit Tipps zur Seite. Aber die Arbeit kann ich den Menschen nicht abnehmen.

Nagel: Ich möchte nicht pauschal von einem Motivationsdilemma sprechen. Richtig ist, die Motivation der Branche ist hoch. Die Frage ist grundsätzlich: Wie können wir noch schneller besser werden? Qualifizierung und Humankapital sind wichtige Bausteine: Im Rahmen der Erhebung des DIFG-Branchenklimaindex-Berichtes, der in Kooperation mit dem Forschungsinstitut Würtenberger durchgeführt wird, stellen wir einen kontinuierlichen Bedarf an Mitarbeitern fest. Ich bin weiterhin der Ansicht, dass neben der Qualifizierung der Mitarbeiter weiteres Potential darin liegt, dass wir uns in der Branche noch weiter vernetzen und austauschen. Auch sollten wir unsere Chancen nutzen, mithilfe der Daten, die die Branche erhebt, anwendungsorientierte wissenschaftliche Forschung zu betreiben.

„Auch aus dem alltäglichsten Produkt kann man völlig neue Ideen entwerfen.“ – Ralph Scholz

Warum lohnt sich ein Engagement als Innovator?

Scholz: Dazu braucht es keine langen Worte. Wer es bleiben lässt, erhöht mit dieser Selbstgefälligkeit das Risikoprofil seines Unternehmens. Wir brauchen einen laufenden Strom neuer Ideen, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Reine Ingenieurskunst ist zu leicht kopierbar. Dichter und Denker müssen wir wieder sein! Oder wie der berühmte Marketingprofessor Philipp Kotler sagt: „Unternehmen haben nur zwei Aufgaben: Innovation und Marketing.“ Das Installieren einer klaren Innovationskultur ist Grundlage der unternehmerischen Selbstsicherung.

Nagel: Adi Dasssler hat es ja schon für sein Unternehmen formuliert: Das oberste Ziel ist es, Athleten besser zu machen. Ich denke, das lässt sich gut auf die Fitnessbranche übertragen. Innovation ist neben Qualität ein Schlüsselfaktor für Erfolg in der Fitnessbranche. Es macht Unternehmen sichtbar und attraktiv und ist damit auch Grundlage für den Marketingerfolg. Innovation ermöglicht es Unternehmen, ihrer Mission gerecht zu werden. Und für die Fitnessbranche: Innovation ermöglicht es uns, dass wir unsere Zukunft sichern, indem wir nachhaltig das Leben der Menschen besser gestalten. Auch wenn das vielleicht etwas pathetisch klingen mag.

Fassen wir zusammen: Dagegen kann keiner sein. Oder?

Scholz: Schwierig. Sicher, die operative Situation jedes Unternehmers ist sehr individuell und die heute genannten Ursachen nur die allgemeine Spitze des Eisbergs. Ich glaube aber fest, dass der Wille zum Weg an die innovative Spitze alternativlos ist. Ideenreichtum kennt Unter- aber keine Obergrenzen! Ich habe jedenfalls weiterhin große Freude daran, den Weg der Fitnessbranche zu gestalten und Teil des Fortschritts zu sein.

Nagel: Jeder darf ja frei entscheiden. Der Anbieter über den Innovationsgrad seiner Produkte. Und der Kunde, ob die Angebote für ihn attraktiv sind. Im Hinblick auf eine erfolgreiche Zukunft sind Innovationsoffenheit und -kompetenz sicher von Vorteil.

Herzlichen Dank für das Gespräch.