Themenspezial
shape UP Business 2/2022

Stark im Rollstuhl

Die Erfahrung aus mehr als 20 Jahren Betreuung von Leistungssportlern der olympischen Sportarten, darunter die Basketball-Bundesligamannschaft der Giessen 46ers und diverse Jugendnationalmannschaften des Deutschen Basketballbundes, sollte doch ein gutes Fundament für das Training mit paralympischen Athleten sein?! Etwas blauäugig gedacht, würde ich im Nachhinein sagen. Erfahrung ist zwar schön und gut, der Übertrag auf das Training von Rollstuhlsportlern jedoch ein ganz anderes Thema.

Dirk Lösel
Lesezeit: ca. 9 Minuten
FXQuadro / shutterstock.com

Wenn „Sitzen das neue Rauchen ist“, was ist es dann für Rollstuhlfahrer? Hier spielen gerade die Optimierung der Haltung und Verbesserung der Atmung eine wichtige Rolle. Daher sollte der Verweildauer im Rollstuhl, mit permanenter Beugung der Hüfte und Einengung des Zwerchfells, gezielt entgegengewirkt werden. Drücken, Ziehen, Rotation und Antirotation sowie Tragen sind die Bewegungsmuster, die besondere Beachtung finden sollten.

Trial and Error

Als ich 2015 vom Bundestrainer der Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft der Herren, Nicolai Zeltinger, gefragt wurde, ob ich dem Athletiktraining seiner Nationalspieler eine Struktur und neuen Input geben könnte, war ich von der Aufgabe begeistert, ohne genau zu wissen, wo sie mich hinführen würde. Mein erstes Jahr mit den Spielern der Deutschen Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft der Herren war geprägt von viel „Trial and Error“. Aber genau dieses „Ausprobieren und Testen“ von verschiedenen Trainingsübungen und -formen, das Anpassen von Ausgangsstellungen und Bewegungsausmaß in Verbindung mit dem Austausch und den Gesprächen mit Sportlern und Trainern, hat mich am Ende dahin gebracht, wo ich heute angekommen bin – die Übungen, Trainingsintensitäten und -umfänge adäquat an die Bedürfnisse der Athleten anpassen zu können. Dabei stand die Bewegungsqualität immer an erster Stelle meiner Herangehensweise.

Fünf Jahre später, mit der Erfahrung aus einigen internationalen Meisterschaften und den Paralympics in Rio de Janeiro und Tokio, hat sich aus einer Idee die Struktur aus „Testen, Korrigieren und Regenerieren in Bewegung“ entwickelt und gefestigt. Ziel dieser Struktur und des daraus resultierenden Trainings ist es, sowohl den ambitionierten Rollstuhlsportler zu unterstützen, als auch den noch nicht motivierten Rollstuhlfahrer dafür zu begeistern, etwas für seine Gesundheit zu tun. Dabei ist es egal, ob er präventiv etwas gegen Überlastung im Rollstuhl tun will oder gezielt seine Athletik verbessern möchte.

Trainer, Physiotherapeuten und Übungsleiter, aber auch Eltern und Partner möchte ich ermutigen und Ideen an die Hand geben, um im täglichen Training und Alltag unterstützend und motivierend, aber manchmal auch korrigierend Einfluss zu nehmen. Denn jedes Training ist nur so gut wie die tägliche Motivation, der passende Input und der Wille, dies nachhaltig umzusetzen.

Große Unterschiede

Das größte Problem in der athletischen Arbeit mit Rollstuhlfahrern sind die großen Unterschiede in ihrer Mobilität, Stabilität und Kraft – je nach Trauma, Art und Höhe der Rückenmarksverletzung. Ich habe versucht, dem in zwei Schritten Rechnung zu tragen:

  1. Fast alle Übungen können in ihrer Grundform ohne Gewichte, Widerstände oder Ähnliches ausgeführt werden.
  2. Durch das Prinzip der Progression und Regression findet sich bei den meisten Übungen eine individuell durchführbare Übungsform.

Nicht immer wird dies funktionieren, denn manche der Übungen sind sehr herausfordernd. Letztendlich muss man seinen eigenen Weg finden, diese Herausforderungen zu meistern. Aber genau diese Herausforderungen sind es, die aus einem guten Athleten einen Spitzensportler machen und aus einem Rollstuhlfahrer einen Rollstuhlsportler.

Trainingsort & Equipment

Um das Training möglichst unabhängig von einem Fitnessstudio zu machen, es also zu Hause oder in der Sporthalle umsetzen zu können, verzichte ich auf Trainingsübungen an Maschinen. Darüber hinaus ist die Übungsauswahl so gewählt, dass die Muskulatur möglichst in ihren Muskelketten trainiert wird. Findet schon ein regelmäßiges Training in einem Studio statt, so empfehle ich die Übungsauswahl als Ergänzung und Inspiration zum bisherigen Trainingsinhalt.

Das Trainingsequipment besteht im Bereich der Kraftentwicklung aus Tubes (elastische Bänder mit unterschiedlichen Widerständen; Abb. 1), Kurzhanteln oder Kettlebells und im Bereich Regeneration aus einer Faszienrolle und einem Faszienball. Für viele der Übungen braucht man jedoch nur eine Matte oder einen weichen Untergrund und die eigene Motivation (Abb. 2).

Abbildung 1: Training mit Tubes MEDIASHOTS
Abbildung 2: Training auf der Matte MEDIASHOTS

Querschnittsproblematik

Das Verständnis der anatomisch-physiologischen Prozesse nach einer Querschnittproblematik ist neben der Kommunikation mit dem Sportler eine wichtige Voraussetzung, um die richtige Übungsauswahl zu treffen und Trainingsintensitäten bzw. -umfänge individuell anzupassen. Die Bandbreite der kompletten bis inkompletten Querschnittproblematik ist sehr groß und neben der Tagesform des Athleten auch immer abhängig von einschießender Spastik bzw. Dysregulation von Herzfrequenz und Blutdruck. Natürlich ist es wichtig, als Trainer im Vorfeld die Idee einer Trainingseinheit zu entwickeln und die Trainingsplanung auf persönliche Ziele oder Wettkämpfe des Athleten abzustimmen, aber noch deutlich mehr als im Fußgängertraining benötigt man Flexibilität und Einfühlungsvermögen, um jederzeit Übungen und Trainingseinheiten an die Schwankungen der Belastungsfähigkeit des Sportlers anzupassen. Hier ist „weniger“ im wahrsten Sinn des Wortes manchmal „mehr“.

Die Rolle der Atmung

Neben der Bedeutung der „Aufrichtung“ im Stuhl, spielt die Atmung eine wichtige Rolle für den Rollstuhlfahrer. Die Enge im Bauchraum, durch das lange Sitzen und die dadurch bedingte permanente Beugung in der Hüfte, führt zu einer vermehrten Brustatmung und zu einer schlechteren Belüftung aller Lungenareale. Neben klassischen Übungen zum Erspüren der Bauchatmung haben sich besonders in Phasen des Ausgleichstrainings, aber auch im Cool-down nach intensiven Trainingseinheiten modifizierte Yoga-Asanas bewährt. Wenn es dem Sportler möglich ist, sollten diese außerhalb des Stuhles stattfinden, um insbesondere an der Hüftstreckung und Aufrichtung der Brustwirbelsäule zu arbeiten. Exemplarisch hierfür ist die Übung Kobra zu nennen, die den Beugemustern im Rollstuhl entgegenwirkt (Abb. 3).

Abbildung 3: Die Kobra am Boden MEDIASHOTS

Testing

Vor dem Training in Bewegung steht in meiner Philosophie immer das Testen relevanter Bewegungsmuster aus Alltag und Sport. Hierbei liegt ein Schwerpunkt auf den Problematiken rund um die Schulter – das wohl am meisten beanspruchte Gelenk eines Rollstuhlfahrers. Tests der endgradigen Außen- und Innenrotation sowie Flex- und Extension, insbesondere im Seitenvergleich, zeigen frühzeitig Dysbalancen an und können mit entsprechenden Übungen rechtzeitig korrigiert werden. Einschränkungen der Beweglichkeit bedeuten immer ein erhöhtes Verletzungsrisiko. Die meisten Verletzungen der Schulter entstehen am Ende der aktiven Bewegungsamplitude des Sportlers. Ist die „Range of Motion“ eingeschränkt, und dies finden wir bei vielen Belastungen, die vermehrt in nur eine Bewegungsrichtung ausgeführt werden, so kann es bei einem zusätzlichen Stimulus (z. B. durch den Gegner oder ein zu hohes Gewicht) am Ende der Gegenbewegung zu Verletzungen der Sehnen, Bänder und Gelenkkapsel kommen. Das „in den Arm Greifen“ bei flektiertem, abduziertem und außenrotiertem Arm ist hierfür ein sehr gutes Beispiel. In der Folge ist zusätzlich oft der scapula-thorakale Rhythmus gestört. Sowohl in der Therapie als auch im Training sollte hierauf ein besonderes Augenmerk gelegt werden und die Bewegung des Schulterblattes explizit mit stimuliert und kontrolliert werden.

CARS

Die sogenannten CARs (Controlled Articular Rotations) für Schulter, Ellenbogen und Hand sind unterstützend zu spezifischen Trainingsübungen ein fester Bestandteil einer Schulterroutine als eigenständiges Präventionstraining oder im Warm-up einer Trainingseinheit (Abb. 4).

In den Infokästen möchte ich zusätzlich gerne ein paar Übungen aus dem Warm-up der Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft der Herren vorstellen: die kleine Mühle, die große Mühle und die Außenrotation mit Miniband. Hierbei handelt es sich um Übungen, die sowohl im Rollstuhl als auch auf einem Kasten „freisitzend“ durchgeführt werden können. Da es eine große Spannbreite an Einschränkungen gibt, lautet das Motto „so sicher wie nötig, so fordernd wie möglich trainieren“. Das bedeutet so viel wie: „Ich begebe mich in eine Ausgangsposition, in der mein Rumpf bestmöglich mitaktiviert wird, ich mich aber trotzdem sicher fühle.“

Kleine Mühle

Ziel: Mobilisation des Rumpfes und Schultergürtels in Vorbereitung auf sportliche Belastung oder als isolierte Mobilisationsübung.

Bewegungsausführung:

  1. Aus einem aufrechten Sitz startet die Übung aus einem „Überkreuzen“ der Arme vor dem Körper. Man dreht den Schultergürtel leicht ein. Hierdurch kommt es zu einer leichten Rotation und Flexion der Wirbelsäule.
  2. In einer flüssigen Bewegung öffnet man durch Drehen des Arms nach außen und oben die Seite. Der Blick folgt der geöffneten Hand bis zum Bewegungsende.

Intensität und Umfang: Die Bewegung wird pro Seite 8-10 Mal wiederholt. Als Bestandteil des Warm-sps 1 Mal 8-10 Wdh., als Einzelübung 2 bis 3 Mal 8-10 Wdh.

1 MEDIASHOTS
2 MEDIASHOTS

Große Mühle

Ziel: Mobilisation des Rumpfes und Schultergürtels in Vorbereitung auf sportliche Belastung oder als isolierte Mobilisationsübung.

Bewegungsausführung:

  1. Die Übung startet, indem man den Schultergürtel eindreht, sich nach vorne beugt und mit der Hand zur diagonalen Fußraste greift. Hierdurch kommt es zu einer deutlichen Rotation und Flexion der Wirbelsäule.
  2. In einer flüssigen Bewegung öffnet man durch Drehen des Arms nach außen und oben die Seite. Der Blick folgt der geöffneten Hand bis zum Bewegungsende. Kann man die Ausgangsposition tief unten nicht einnehmen, so startet man mit der Bewegungsausführung weiter oben. Das Bewegungsausmaß ähnelt dann eher der kleinen Mühle.

Intensität und Umfang: Die Bewegung wird pro Seite 8-10 Mal wiederholt. Als Bestandteil des Warm-ups einmal 810 Wdh., als Einzelübung 2-3 Mal 8-10 Wdh.

1 MEDIASHOTS
2 MEDIASHOTS

Außenrotation mit Miniband

Ziel: Aktivierung der schultergelenkstabilisierenden Muskulatur in Vorbereitung auf sportliche Belastung.

Bewegungsausführung: Die Übung kann je nach Schweregrad im Stuhl, freisitzend auf einem Hocker oder im Stand ausgeführt werden. Die Übung wird mit einem elastischen Gummiband oder an einem Seilzug durchgeführt.

  1. Der Sportler startet aus einer aufrechten Körperhaltung. Das Brustbein wird leicht nach vorn oben geschoben, die Schulterblätter werden Richtung Wirbelsäule voraktiviert. Die Arme befinden sich seitlich am Körper angelegt und 90° im Ellenbogen gebeugt.
  2. Beim Training der linken Seite verbleibt der rechte Arm in der Ausgangsposition, während der linke Unterarm, unter Beibehaltung der 90° Ellenbogenbeugung, eine Bewegung nach außen macht.

Wichtig! Der Kontakt des Ellenbogens am Körper wird über den gesamten Bewegungsweg beibehalten. Zur Anbahnung der Bewegung kann man dem Athleten ein Handtuch zwischen Ellenbogen und Körper einklemmen, das nicht herunterfallen darf.

Intensität und Umfang: Zur Aktivierung im Warm-up pro Seite 10 Wiederholungen. Im Training mit Band oder Seilzug 3 Mal 10 Wdh. pro Seite.

1 MEDIASHOTS
2 MEDIASHOTS

Bewegungsmuster

Der große Themenkomplex Krafttraining beginnt mit einer Einteilung in die verschiedenen Bewegungsformen und wird hier nur kurz angeschnitten. Druck- und Zugmuster, Rotations- und Antirotationsmuster sowie verschiedenste Trageformen stellen die Basis meiner Idee eines „Trainings in Bewegung“ dar und sollten in keinem Trainingsprogramm fehlen (Abb. 4-11). Aus einer Basisübung heraus können dann in Regression und Progression Anpassungen an die Voraussetzungen und Bedürfnisse der Sportler vorgenommen werden. Anbei exemplarisch die Druck- und Zugbewegung (Push & Pull) in verschiedenen Ausführungsformen (siehe Infokästen).

Abbildung 4: Enges, beidarmiges Bankdrücken MEDIASHOTS
Abbildung 5: Lift and Push MEDIASHOTS
Abbildung 6: Chest Pass mit Medizinball MEDIASHOTS
Abbildung 7: Kurzhanteldrücken einarmig MEDIASHOTS
Abbildung 8: Beidarmiges Rudern MEDIASHOTS
Abbildung 9: Elevation und Außentrotation Schulter MEDIASHOTS
Abbildung 10: Rope Training MEDIASHOTS
Abbildung 11: Kettlebell Push mit Rotation MEDIASHOTS

Kommunikation und Vertrauen

Da bei rund 50 Prozent aller Rückenmarksverletzten nicht alle Verbindungen zwischen Gehirn und den Segmenten unterhalb der Läsion unterbrochen sind, ist die Spannbreite dessen, was ein Rollstuhlfahrer an Fitness- und Athletiktraining umsetzen kann, sehr groß. In vielen Fällen bedeutet dies aber auch eine gewisse Unsicherheit bei der Auswahl von Trainingsübungen, Ausgangsstellungen und der Umsetzung.

Aus der Erfahrung der letzten Jahre kann ich nur allen Trainern und Angehörigen empfehlen, viel mit den Betroffenen zu kommunizieren. Zunächst sollten Ausgangsstellungen gewählt werden, in denen sich der Rollstuhlfahrer „sicher und wohl“ fühlt. Belastungen sollten zu Beginn ohne oder mit nur wenig Gewicht durchgeführt und die Bewegungsqualität sollte immer vor die Bewegungsquantität gestellt werden. Für den Rollstuhlfahrer ist die sichere Ausgangsstellung die Basis für Vertrauen in die Bewegung, ein Trainingsgerät und das „sich Herausfordern“ am Bewegungsende. Denn nur er weiß am besten, was ihm guttut und wie die gesetzten Reize ankommen und wirken.

Fit im Rollstuhl

Mit der Plattform „Fit im Rollstuhl“ werden motivierte Rollstuhlfahrer und ambitionierte Rollstuhlsportler unterstützt, ihre Fitness und Athletik auf das nächste Level zu bringen.

In der Fortbildung zum Thema „Fit im Rollstuhl“ werden Trainern, Physiotherapeuten und Angehörigen von Menschen im Rollstuhl in Theorie und Praxis ein Trainingskonzept vorgestellt, mit dem sie ihre Rollstuhlsportler, Patienten und Angehörigen im Sport und Alltag unterstützen können.

Mehr Infos über den QR-Code.

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