Verglichen mit den Anfängen des Studio-Booms sind die Kundenansprüche heute höher und heterogener. Ein umfassendes und verwirrendes Repertoire an Möglichkeiten tut sich auf. Interessenten und Studioleitungen müssen zwischen den Trends und vielen Wahlmöglichkeiten regelrecht jonglieren (1). Die Kunst liegt daher darin, Klarheit im Dickicht zu schaffen und auf die richtigen Pferde zu setzen.

Gut für einige, ungeeignet für alle

Die Suche nach dem „Next Big Thing“ ist beschwerlich. Klar ist der Gedanke verführerisch, bereits dabei zu sein, bevor alle die Goldader kennen,   meist aber auch leider unrealistisch. Überraschungserfolge wie Zumba lassen sich nicht einplanen und werden dann eh schnell massenweise adaptiert. Praxistauglicher könnte der Gedanke sein, auf Kunden mit knapper Zeit zu setzen; davon soll es ja heutzutage viele geben. Quickies wie EMS und HIIT zielen darauf, die Anwesenheit möglichst kurz zu halten. Gut für die Gehetzten und gut für Studios, denn wenig präsente Dauerzahler sind aus betriebswirtschaftlicher Sicht die beste Klientel. Auch automatisierte Routinen wie Zirkeltraining, die nur ein Minimum an Aufsicht erfordern, zielen in diese Richtung. Dennoch: Auf Alleinstellungsmerkmale und Gruppen mit Sondermerkmalen zu setzen, bleibt insgesamt wohl Sache von Boutique-Studios oder Clubs, die sich im Wesentlichen auf ein bestimmtes Marktsegment fokussieren. Für die Mehrzahl der Studios gilt die Devise, sich auf die Basics zu konzentrieren. Welche davon haben eine recht sichere Zukunft?

Grobe Orientierung

Zu ersten Erkenntnissen gelangt man, wenn man aktuelle und mögliche Kunden nach Alter und Geschlecht clustert. Dann zeichnet sich als Tendenz ab: Weiblich und älter hat für Fitnessstudios mehr Potenzial als männlich und jung. Weiß jeder? Anscheinend nicht. So beklagt beispielsweise Professor Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln, dass gute Angebote für Senioren derzeit oft noch Mangelware seien (2). 

Frauen

Ohne attraktive Angebote für Frauen werden nicht spezialisierte Studios in Schwierigkeit geraten (3). Seit die Aerobic-Videos von Jane Fonda den Grundstein für moderne Kurssysteme legten und den Sturm der weiblichen Klientel in die Studios einleiteten, sind knapp 40 Jahre vergangen. Mittlerweile liegt der Frauenanteil in deutschen Clubs laut Eckdaten der Deutschen Fitness-Wirtschaft bei 55,5 Prozent. Frauen fühlen sich auch heute noch häufig durch tänzerische Aspekte, aber auch einem gemeinschaftlichen Erleben des Trainings angesprochen. Auch Cardiotraining bevorzugen sie mehr  als Männer, aber sie trainieren bereits deutlich öfter an Maschinen als noch vor wenigen Jahren. Zudem wird die Selbstverteidigung als Thema immer heißer.

Senioren

Die Zahl der Senioren wächst unausweichlich. Ein Beispiel: 2020 beträgt der Anteil der über 67-Jährigen an der Gesamtbevölkerung 19,4 Prozent, bis 2060 könnte er auf 28,2 Prozent ansteigen (4). In Deutschland sind Senioren tendenziell zahlungskräftig, des Weiteren ist davon auszugehen, dass mit der längeren Lebensdauer auch der Wunsch nach Fitness und Gesundheit an Bedeutung gewinnt. Bei der Frage, warum Sport betrieben wird (5), antwortete fast die Hälfte (48 Prozent) der 60- bis 69-Jährigen: Um gesundheitliche Probleme in den Griff zu bekommen. Ihre Kondition verbessern möchten 42 Prozent; Platz drei der Motivrangliste nimmt der Muskelaufbau ein. Anregungen für Seniorenangebote sind unter anderem: Beckenboden-, Fitness-, Osteoporose- und Rücken-/Wirbelsäulengymnastik, Aquafitness, Entspannungsangebote, Herzsportgruppen, Nordic Walking, Gefäß- und Lungensport sowie Koordinationstraining (6).

Angebote für Senioren und Frauen sind ein fester Bestandteil des Zukunftsmixes.Diego Cervo / shutterstock.com
Angebote für Senioren und Frauen sind ein fester Bestandteil des Zukunftsmixes.

Trendforschung

Auf der Suche nach dem besten Programmangebot lohnt sich auch ein Blick auf den fitnessbezogenen Zeitgeist. Eine diesbezüglich anerkannte Richtschnur sind die jährlichen Ergebnisse des vom „American College of Sports Medicine (ACSM)“ herausgegebenen „Worldwide Survey of Fitness Trends“. Seit dem Jahr 2016 macht sich ein von Prof. Dr. Theodor Stemper (Universität Wuppertal, DFAV) angeführter Verbund, zu dem auch der BVGSD gehört, die Mühe herauszufinden, wie es mit den Fitnesstrends in Deutschland aussieht. Die Top 10 Resultate aus den USA (7) und Deutschland (8) sind in Tab. 1 nachzulesen.

Rang

USA (ACSM)

BRD (Prof. Dr. Theodor Stemper et al.)

1

Wearables

Gut ausgebildetes Trainingspersonal

2

HIIT

Seniorenfitness

3

Groupfitness

Groupfitness

4

Training mit freien Gewichten

Betriebliche Gesundheitsförderung

5

Personal Training

Training zur Gewichtsreduktion

6

Initiative „Exercise is Medicine“

Body Weight Training

7

Body Weight Training

Functional Training

8

Seniorenfitness

Body & Mind

9

Health/Wellness Coaching

Rehasport-Programme

10

Gut ausgebildetes Trainingspersonal

Yoga

Die Auswertung beruht in beiden Ländern auf der Befragung von Fitness Professionals. Bei der Ergebnisanalyse fällt auf, dass es die ACSM Top 10 Trends Wearables, HIIT, Personal Training und Health/Wellness Coaching in Deutschland nicht in die oberen Ränge geschafft haben: HIIT und Personal Training landeten auf den Plätzen 18 und 19 – Wearables und Health/Wellness Coaching sind in den veröffentlichten Resultaten überhaupt nicht vertreten. Umgekehrt finden die deutschen Trends Body & Mind sowie Rehasport in den USA keine Erwägung. Die hiesigen Vertreter in den Top 10, nämlichr Betriebliche Gesundheitsförderung, Training zur Gewichtsreduktion, Functional Training und Yoga rangieren beim ACSM auf den Rängen 18, 11, 12 und 14.

Somit bestätigen die Ergebnisse eine Einschätzung, die Prof. Dr. Stemper schon anlässlich der ersten Erhebung in 2016 (9) traf: Internationale Trends stimmen nur sehr bedingt mit den Einschätzungen deutscher Fitness Professionals überein. Im Kern dominiere eine deutliche Präferenz für hochwertige, gesundheitsorientierte Trainingsprogramme und für eine ebenso hochwertige, hochqualifizierte Betreuungsqualität. Dies sei für die Studieninitiatoren angesichts der demographischen und sozialen Entwicklung auch nachvollziehbar.

Betrachtet man die Resultate über die Jahre, dann ist festzustellen, dass Newcomer eher selten auftauchen. Es herrscht eine gewisse Konstanz bei den vertretenen Trends, sie tauschen allerdings recht munter die Ränge. Auch Theodor Stemper bestätigt, dass sich viele Trends  innerhalb eines Jahres bis hin zu mehreren Jahren zwar bedingt verschieben, die großen Linien jedoch Bestand haben (8).

Insgesamt bleibt festzuhalten: Hierzulande wirkt in Sachen Fitnesstrends anscheinend mehr Tradition als in den USA. Gefragt sind professionell ausgebildete Fitnesstrainer, die integrativ arbeiten, die Trainingsbasics beherrschen und mit Senioren arbeiten können. Personal Trainer Robert Rode aus Berlin hat jahrzehntelange Erfahrung in der Branche. Er ergänzt (1): „Einfach, aber hoch wirksam, das ist Trend. Und das mit Übungen, Bewegungsformen oder auch mit Geräten wie der über 100 Jahre alten Kettlebell. Fitnessfachleute, oder besser, tatsächliche Fitnessarbeiter der täglichen Praxis, würden das bestätigen. Wirksamstes Training wird aus vielschichtigen und langjährigen Erfahrungen im Trainingsbereich produziert.“

Weitere Expertenmeinungen

Laut dem Bonner Fitness Professional Christian Roller (10) besteht das Training der Zukunft vor allem aus folgenden Elementen: Yoga, Faszientraining, Mobility Training, Calisthenics, Cross Fit, Athletik- und Functional Training. Letzteres sei vorzugsweise outdoor durchzuführen. Insgesamt ginge die Entwicklung klar in Richtung betreutes Fitness- sowie Gruppentraining. „Einsam an Geräten seine Kreise zu ziehen, ist out. Zusätzliche extrinsische Motivation durch den Trainer und durch die Gruppe sowie Spaß an der Bewegung sind in“.

Antje Schünemann ist Trendexpertin und Innovationsenthusiastin. In einem Statement (11) prognostiziert sie, dass Sport immer stärker zum Event werde. Dieser Trend zum Event mache auch vor kontemplativen Sportarten wie Yoga nicht halt. In den USA sähe man jetzt schon, wie man Yoga völlig neu kombiniert, etwa mit Hip-Hop in den Clubräumen. „Das zieht ein ganz neues Publikum an. Fitness übernimmt Elemente der Ausgeh- und Clubkultur. Da geht es in erster Linie um mehr Spaß. Der Funfaktor wird in Zukunft wichtiger“.

Abschließend eine Prognose von Marcus East, Technical Director/Office des CTO bei Google, über das Studio der Zukunft (12): Er erteilt allen eine Absage, die meinen, Clubs würden irgendwann vollautomatisch funktionieren, indem Kunden biometrisch gescannt werden und Nachrichten auf ihr Smartphone erhalten. Er rät niemandem dazu, im Moment dafür Geld auszugeben. Das Wichtigste wäre eine gute, einladende Atmosphäre, die dafür sorgt, dass Leute auch wirklich ins Studio hineingehen möchten. Man lerne diesbezüglich am meisten von echten Verkaufsflächen, wobei Apple ein gutes Beispiel sei. Das Unternehmen hat sehr viele Mitarbeiter in seinen Stores. Grund dafür ist, dass Entscheidungen aufgrund von zwischenmenschlichen Kontakten und Beziehungen getroffen werden. Daher empfiehlt East in das richtige Studiopersonal zu investieren. „Denk an deine Kunden, denk an deine Mitarbeiter und denk darüber nach, wie du die Beziehungen zwischen ihnen verbessern kannst“.“

Quellen

  1. Robert Rode. Fitnesstrends – Prenzlauer Berg ist nicht Los Angeles. Zugriff am 30.1.2020: https://blog.rorocoach.de/magazin-fitness-sport/fitnesstrends-prenzlauer-berg-ist-nicht-los-angeles/
  2. Manager Magazin. 2017. „Mindestens die Hälfte sind Karteileichen“. Zugriff am 30.1.2020: https://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/fitness-boom-gruendet-weitgehend-auf-karteileichen-a-1142102.html
  3. DSSV. Geschichte des Fitnesstrainings. Zugriff am 30.1.2020: https://www.dssv.de/presse/geschichte-des-fitnesstrainings/
  4. Berechnet auf Basis von Destatis. 2020. Ergebnisse der 14. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung. Zugriff am 30.1.2020: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Bevoelkerungsvorausberechnung/Tabellen/variante-1-2-3-altersgruppen.html
  5. Splendid Research. 2018. Warum treiben die Deutschen Sport und welche Motive halten sie davon ab? Zugriff am 30.1.2020: https://bit.ly/32rCz7U
  6. Frei nach DOSB. Das Fitness-Studio im Sportverein. Zugriff am 3.2.2020: https://www.landessportbund-hessen.de/fileadmin/media/Bereich_Sportentwicklung/Downloads/Leitfaden_Das_FS_im_SV.pdf
  7. ACSM. Worldwide Survey Of Fitness Trends For 2020. Zugriff am 5.2.2020: https://journals.lww.com/acsm-healthfitness/Fulltext/2019/11000/worldwide_survey_of_fitness_trends_for_2020.6.aspx
  8. F&G. Fitness-Trends 2020
  9. F&G. Fitness-Trends 2016
  10. rueckencamp.de. Das Fitnessstudio der Zukunft. Zugriff am 30.1.2020: https://rueckencamp.de/fitnessstudio-der-zukunft/
  11. Fit for Fun. 2019. Fitness im Jahr 2044: Wohin geht der Fitness-Trend? Zugriff am 30.1.2020: https://www.fitforfun.de/sport/fit-in-25-jahren-wohin-geht-der-fitness-trend-355017.html
  12. Les Mills. Wie die Technologie die Zukunft der Fitness-Branche beeinflusst. Zugriff am 30.1.2020: https://www.lesmills.com/de/studios/forschung-insights/fitness-trends/wie-die-technologie-die-zukunft-der-fitness-branche-beeinflusst/