Die hochwertige Qualifikation des Teams bringt in der Unternehmenspraxis gleich mehrere Vorteile, die immer noch gern unterschätzt werden: So meistern versierte Fachkräfte ihre täglichen Aufgaben im Betrieb erfolgreicher und deutlich effizienter. Gleichzeitig treten sie gegenüber Kunden und Partnern auch glaubwürdiger auf. Nicht minder wertvoll ist die Bindungswirkung der Aus- und Weiterbildung beim Mitarbeiter, der sich wertgeschätzt und unterstützt sieht: Ein Faktor, der insbesondere für Studios in der Zukunft entscheidend ist, da sich Mitglieder eher mit ihrem Trainer identifizieren als mit dem Studio selbst.

Wie sieht es mit der Ausbildungsbereitschaft der Unternehmer heute aus? Und wie viel digital muss sein beziehungsweise wie viel ist wirklich sinnvoll? Wir fragen nach bei Matthias Holz von der Bayerischen Akademie für Wirtschaftskommunikation. Als Vorsitzender des BAW-Vorstandes ist er von fachlicher Seite her regelmäßig in die Entwicklung innovativer Qualifikationen involviert. 

Matthias Holz beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit beruflicher Aus- und Weiterqualifizierung.BAW
Matthias Holz beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit beruflicher Aus- und Weiterqualifizierung.

SU: Herr Holz, wo steht die deutsche Unternehmenslandschaft bei der Entwicklung ihrer Mitarbeiter heute?

MH: Ein einfaches Beispiel, das die Situation ziemlich gut beschreibt: Im vergangenen Jahr haben wir bei der BAW eine Ausbildung entwickelt, die sich in Werkstattcharakter mit dem dringlichen Thema Innovation beschäftigt. Die Resonanz darauf war großartig. Aber: Unsere Interessenten sind alle aus persönlicher Motivation zu uns gestoßen. In den notwendigen Gesprächen mit Inhabern oder Vorgesetzten wurde weder die Notwendigkeit gesehen noch wurden Budgets dafür freigegeben. Hier herrscht scheinbar große Angst vor neuen Ideen oder es spielen noch weitere Motive eine Rolle. Wir mussten uns also eingestehen, dass dieses Programm  gegenüber der Zielgruppe Unternehmen nicht vermittelbar ist. Ganz ehrlich, wir sind damit gescheitert – und haben dazugelernt.

Natürlich hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Beispielsweise ist die Personalentwicklung in vielen Unternehmen zum festen Bestandteil innerhalb der Organisation geworden. Und das ist auch gut so, denn eine abgestimmte arbeitsplatznahe und berufsbegleitende Aus- sowie Weiterbildung trägt wesentlich zur gesunden und – verzeihen Sie mir die überstrapazierte Wortwahl – nachhaltigen Organisationsentwicklung bei.

SU: Also alles Sonnenschein?

MH: Leider nein. Allzu oft handelt es sich um Lippenbekenntnisse. In vielen Gesprächen und Beratungen stelle ich fest, dass die Motivation für eine weitere berufliche Entwicklung meist sehr stark vom einzelnen Mitarbeiter ausgehen muss. Zudem halten Arbeitgeber, Unternehmer oder Vorgesetzte derartige Maßnahmen nicht selten für ein Incentive, also ein Goodie für die Mitarbeiter. Darüber hinaus verstecken sich viele Firmenchefs hinter pauschalem Compliance-Gedöns. Das sind  Punkte, die einer Entwicklung des Personals für ein gesundes Unternehmen im Wege stehen.

Natürlich stehen die Betriebe vor einem Dilemma: Befähigen sie ihre Mitarbeiter zu souveränen Persönlichkeiten, können diese abgeworben werden oder ziehen von sich aus weiter. Wird nicht qualifiziert, bleiben die Mitarbeiter – vielleicht. Aber denken wir dies doch einmal einen Schritt weiter. Was passiert denn, wenn gerade diese Mitarbeiter bleiben? Welches Unternehmen kann ernsthaft Interesse daran haben, genau mit diesem personellen Bodensatz in die Zukunft zu gehen?

SU: Wir sprechen von Einzelfällen?

MH: Meiner Erfahrung nach wird dieser Missstand in Menschenberufen besonders deutlich – und dazu gehören ganz klar die Trainer und Physiotherapeuten: Hier stehen die Mitarbeiter im direkten Kontakt mit den Kunden – und dies nicht durch bunte Broschüren geschönt, sondern ganz real. Sie repräsentieren das Unternehmen im Hinblick auf Kultur und Werte. Kommt es hier zu einer Diskrepanz von Schein und gelebter Wirklichkeit, spürt der Kunde dies sofort und zieht seine Konsequenzen.

SU: Können Sie uns skizzieren, wie eine gute Ausbildung heute aussehen sollte?

MH: Vorneweg: In der Regel kommen Mitarbeiter grundlegend gut qualifiziert – sei es durch eine berufliche Ausbildung, einen akademischen Abschluss oder auf anderem Wege gewonnener Qualifizierung – in die Unternehmen und verfügen über geeignetes Handwerkszeug, um im beruflichen Alltag zunächst bestehen zu können. In den Studios kann das beispielsweise ein einschlägiges Studium sein oder eine entsprechende Ausbildung, beispielsweise eine FitnesstrainerB-Lizenz. Nun wissen wir aber alle, dass ein berufliches Jahr eben nicht nur aus Alltäglichem besteht. Erst wenn Mitarbeiter in ungewohnten Situationen souverän reagieren oder notwendiger stetiger Veränderung und Wandel aufgeschlossen und vor allem ohne Ängste gegenüberstehen, ja, erst dann haben Unternehmen ein wertvolles Team gewonnen.

Einzelne Mitarbeiter brauchen Aufmerksamkeit. Eine gelungene (Weiter-)Qualifizierung kann nur dann erfolgreich für alle Seiten sein, wenn diese von den Beteiligten gemeinsam getragen wird. Jeder Mitarbeiter hat individuelle Ecken und Kanten, persönliche Stärken und Schwächen, unterschiedliche Lebensentwürfe. Dem gilt es Rechnung zu tragen.

SU: Sie meinen individuelles Coaching?

MH: Jein, Coaching trifft es nicht ganz. Für mich besteht eine zielführende Qualifizierung aus drei aufeinanderfolgenden und sich gegenseitig bedingenden Elementen: Alles, was inhaltliches Allgemeingut ist, wie beispielsweise Grundlagen oder Theorien, lässt sich wunderbar in einem vorgelagerten Modul abbilden. Hier sind digitale E-Learning-Komponenten sehr hilfreich, denn so können die Teilnehmer ganz individuell ihr jeweiliges Lerntempo bestimmen oder gegebenenfalls einzelne Sachverhalte intensivieren und auch wiederholen. Gleichzeitig hat dies den wertvollen Nebenaspekt, dass Teilnehmer auf einem relativ homogenen Wissensniveau in die Präsenzphase übergehen.

Präsenz ist Qualitätszeit. Im Unternehmen werden die beruflichen Aufgaben in der Regel nicht von anderen übernommen und bleiben daher meist liegen. Deshalb muss diese Phase so intensiv wie nur möglich genutzt und gestaltet werden. Didaktisch liegen die Schwerpunkte hier auf dem Training der Inhalte, der Orientierung an Best Cases, auf Dos and Don‘ts und der begleitenden Bearbeitung von Aufgabenstellungen aus dem eigenen beruflichen Umfeld. Die Relevanz der Formel «Wissen gepaart mit Anwendung führt zum Können» kann in diesem Zusammenhang gar nicht hoch genug gehängt werden.

Leider verabschieden sich viele Qualifizierungsanbieter dann mit der Übergabe von Diplomen, Zertifikaten oder Bescheinigungen von ihrer Verantwortung. Nach der Präsenz gilt es aber, die Teilnehmer bei der Umsetzung ihrer eigenen Projekte im beruflichen Umfeld zu begleiten und Hilfestellungen – nennen wir es vielleicht besser Sparring als Coaching – zur Implementierung ihrer Ideen im Betrieb zu geben. Dieser Schritt, dieses Nachfassen, ist immens wichtig, um gemeinsam und nachhaltig zum gewünschten Erfolg zu kommen. Ansonsten scheitert die Mitarbeiterentwicklung auf halber Strecke und führt zu den vielerorts zu beobachtbaren Vorbehalten gegenüber berufsbegleitender Qualifizierung.

Noch einmal kurz zusammengefasst: Alles, was Basic ist, im Vorfeld in digitale Elemente verlagern. Die in meinen Augen absolut notwendige Präsenz zur Anwendung und zum Training nutzen. Und dann die Teilnehmer in der Umsetzung begleiten. Werden diese drei Komponenten abgedeckt, ist der Kreis der Anbieter sehr klein geworden und erleichtert somit die Auswahl.

Natürlich hat dies alles seinen Preis, und ich meine in erster Linie gar nicht die Teilnahmegebühren. Andere Ressourcen, wie beispielsweise Freistellungen oder Spesen, fallen ebenso ins Gewicht. Dennoch sollten sich vor allem auch kleinere Unternehmen hiermit intensiv beschäftigen, da der Klein- und Mittelstand bei potentiellen Mitarbeitern in der Auseinandersetzung mit beruflichen Möglichkeiten oft – wenn auch genauso oft zu Unrecht – den Kürzeren gegenüber großen Brands zieht.

Digitale Ausbildungskomponenten gilt es schlau zu nutzenTatiana Popova / Shutterstock
Digitale Ausbildungskomponenten gilt es schlau zu nutzen

SU: Wie viel digital braucht es wirklich?

MH: Wie gesagt, digitale Elemente können unterstützen, soferns sie sinnvoll und an der richtigen Stelle eingesetzt werden. Ich sehe hier vor allem Möglichkeiten, Wissen – ich spreche hier eben nicht von Können – zu vermitteln. Aber bei sämtlichen digitalen Lösungen fehlt ganz einfach der soziale Klebstoff. Es fehlt die Verbindlichkeit, der gemeinsame Austausch, vielleicht auch ein kollektives Scheitern in Teamarbeiten.

Und was ich immer wieder ganz deutlich sehe, es ist für die Teilnehmer einer Qualifizierung enorm wichtig zu verstehen, dass sie mit ihren Defiziten, mit ihren Herausforderungen nicht alleine sind. Dass ein Trainer beispielsweise sieht, dass es anderen genauso geht und diese in ihren Studios mit ganz ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Das sind sehr wichtige Erfahrungen, um sich selbst zu justieren und die eigene berufliche Tätigkeit und das dazugehörige Umfeld wieder zu erden – dies kann weder digital noch online bieten.

Einen weiteren Gedanken möchte ich in diesem Zusammenhang ins Spiel bringen: Neben allen anderen fachlichen Aspekten ist der Auf- und Ausbau des persönlichen Netzwerks für die berufliche Entwicklung entscheidend. Eine Qualifizierung ist hierbei die perfekte Möglichkeit, stabile Kontakte zu knüpfen, die jedes digitale Adden dauerhaft überleben und einen wohltuenden Blick über den eigenen Tellerrand hinaus garantiert. Gerade für Fachkräfte aus dem Gesundheitsbereich ist das essenziell. Studio-Mitarbeiter können hier – sowohl für sich als auch für das Studio – wertvolle Kontakte zu Netzwerkpartnern beispielsweise Ärzten, Firmen oder Physiotherapeuten, knüpfen.

Und, um den gesetzten Hype über die Ausschließlichkeit von E-Learning, Webinaren oder Ähnlichem zu begegnen, eine Frage von meiner Seite: «Wer vertraut sich einem Herzspezialisten an, der sein Wissen ausschließlich über Webinare erworben hat?» Diese Frage muss sich wohl jeder selbst beantworten.

Projektarbeiten fördern das Zusammenwachsen der Kursteilnehmer und legen bereits Grundlagen für individuelles Netzwerken.mrmohock / Shutterstock
Projektarbeiten fördern das Zusammenwachsen der Kursteilnehmer und legen bereits Grundlagen für individuelles Netzwerken.

SU: Wie wichtig ist Qualifizierung als Teil nachhaltiger Unternehmensführung?

MH: Hier gehe ich soweit, dass ich das Thema Qualifizierung und vieles, was damit zusammenhängt, als scharfes Schwert auch in der CSR-Thematik bezeichne. Wir stehen durch die Digitalisierung vor gewaltigen Umwälzungen, auch was die Arbeitsmarktsituation betrifft. Schon heute ist es für viele Studios schwierig, erst gute Mitarbeiter zu finden und dann auch noch zu halten. Rechne ich hierzu auch noch den Fachkräftemangel und das Selbstbewusstsein sowie die Souveränität der nachfolgenden Generationen hinzu: In der Summe sind das für das einzelne Unternehmen kaum lösbare Probleme.

Kontinuierliche berufliche und persönliche Weiterentwicklung der Mitarbeiter und gleichzeitiges Aufzeigen von Perspektiven ebenso für den beruflichen und persönlichen Lebensentwurf sind ein unabdingbares Muss in der Mitarbeitergewinnung und -bindung. Ohne Plan und ohne Ziel kann das nicht gelingen, vor allem nicht im nationalen und internationalen Wettbewerb um genau diese motivierten Persönlichkeiten.

Vergessen wir eins nicht: Deutschland steht definitiv nicht mehr an der Spitze, was den Innovationsgeist oder die Freude im Umgang mit Veränderung betrifft. Ein Manko, dem möglichst schnell etwas entgegengesetzt werden muss. Das gelingt eben auch mit einem (be-)fähigten Team. Denn jede – aber auch wirklich jede – Qualifizierung von Mitarbeitern setzt Impulse für die kontinuierliche Weiterentwicklung des Unternehmens. Man muss es nur zulassen und eine Kultur schaffen, in der dies möglich ist und eben nicht eine erhöhte Frustration beim Einzelnen schafft.

Und wir sprachen vom Netzwerk: Ich bin absolut überzeugt davon, dass einige Unternehmen es nicht allein schaffen werden. Zur Beruhigung: Das müssen sie auch nicht. Für eine zukunftsfähige Entwicklung braucht es vielerorts eine Rückbesinnung auf die jeweiligen Kernkompetenzen, ein Teilen von Know-how und Wissen, das Formen eines kollaborierten Arbeitens – vielleicht nur situativ oder eben auch langfristig –, um Innovation, Inspiration und Zukunftsgestaltung nachhaltig zu implementieren. Dazu braucht es allerdings eine vertrauensvolle Zusammenarbeit auf Augenhöhe, nicht nur auf Vorstandsebene, sondern auch – und ganz speziell – in den Teams. Wenn beispielsweise im Rahmen einer Qualifizierung gemeinsam in Teamarbeiten geschwitzt, kreative Lösungen generiert und präsentiert wurden – ja dann, dann stärkt dies das notwendige Vertrauen in den Anderen und reduziert die Furcht vor Ideen-Klau auf ein Minimum.

Gerade inhabergeführte Studios sehen sich heute wachsendem Druck von Mitbewerbern ausgesetzt, nicht nur, aber auch aus dem Billigpreissegment. Wer sich hier langfristig als professioneller Gesundheitsanbieter von der Konkurrenz abgrenzen möchte, benötigt ein glaubwürdiges und fundiertes Netzwerk. Hierzu können andere Experten aus dem Sportbereich gehören wie PersonalTrainer; besonders wertvoll sind jedoch auch hochwertige Kontakte aus dem medizinischen Sektor wie Kliniken, Ärzte und Physiotherapeuten.

Qualifikation ist eine wichtige Basis für eigene Innovationen, denn hier werden neue Impulse gesetztWho is Danny / Shutterstock
Qualifikation ist eine wichtige Basis für eigene Innovationen, denn hier werden neue Impulse gesetzt

SU: Was sind die entscheidenden Fakten für die eigene Umsetzung?

MH: Nichts und niemand (re-)präsentiert das Unternehmen besser als die einzelnen Mitarbeiter. Das war schon immer so, heute sprechen wir von Corporate Influencern. Je abgeholter, je motivierter, je zufriedener das Team das Unternehmensgesicht nach außen trägt, umso glaubwürdiger wird die Unternehmensmarke wahrgenommen und umso stärker findet die Bindung der Kunden statt. Denn es sind die Menschen, die den Unterschied machen. Das gilt insbesondere für Fitness- und Gesundheitseinrichtungen: Denn hier stehen die Mitarbeiter nicht nur vor Ort im Betrieb an vorderster Kundenfront, sondern werden auch in den Sozialen Medien immer mehr zum Aushängeschild für ihren Arbeitgeber.