Wir checken morgens über das Handy dienstliche E-Mails, telefonieren beim Schmieren der Schulbrote mit Kollegen, gehen in der Mittagspause in den unternehmenseigenen Trainingsraum, schicken dem Partner vom Büro aus die Einkaufsliste zu und bereiten uns abends auf die nächste Sitzung vor. Hallo Entgrenzung! Wir sind mittendrin in einem Alltag mit verschwommenen Grenzen zwischen Beruf und Privatleben.

Was dieser Begriff konkret bedeutet, welche Chancen, aber auch Herausforderungen er mit sich bringt und wie die Balance zwischen Privatem und Beruflichem gelingt, erfahren Sie hier. 

Was ist Entgrenzung?

Früher fand die Erwerbsarbeit typischerweise außerhalb des Privaten statt und grenzte sich somit räumlich und zeitlich vom „echten Leben“ ab. Vereinfacht gesagt ging man bis in die 60er-Jahre morgens in die Fabrik, arbeitete dort acht Stunden lang und widmete sich danach Familie, Freunden und Hobbys. Man spricht hierbei vom „Normalarbeitsverhältnis“, was es heutzutage natürlich auch noch gibt, aber unsere moderne Arbeitswelt wird längst durch eine massive Entstandardisierung und Flexibilisierung dominiert (4). 

In diesem Kontext spricht man vom Begriff Entgrenzung. Hierbei geht es ganz allgemein um die Erosion fester Grenzen zwischen der Arbeitswelt und dem Privatleben. Entgrenzung beschreibt dabei nicht nur eine randständige Entwicklung, sondern einen gesellschaftlichen Wandel, den wir alle spüren und erleben.

Dabei gilt die räumliche und zeitliche Flexibilisierung von Arbeit als eine Entwicklungstendenz der Entgrenzung (1) (ebd.). Sie erlaubt es beispielsweise, in Teilzeit zu gehen, Gleitzeit zu nutzen, unterwegs am Laptop zu arbeiten oder zu Hause dienstliche Telefonate zu führen. Andersherum ist es aber heute auch für viele möglich, während der Arbeitszeit schnell mal private Dinge über das Handy abzuklären und im Notfall für Familienmitglieder und Freunde erreichbar zu sein.

Die zweite Tendenz lässt sich mit Subjektivierung umschreiben. Der Mensch wird nicht mehr nur als pure Arbeitskraft gesehen, sondern als Human Being – als Individuum mit wichtigen Eigenschaften wie Kreativität, Kooperationsfähigkeit, Empathie und der Fähigkeit der Selbststeuerung und Selbstorganisation der eigenen Arbeit (ebd.).

Halten wir fest: Wir sind also auf Arbeit auch ein Privatmensch, aber im Privaten auch ein Arbeitsmensch.

Wie kommt es dazu?

Zunächst einmal tragen neue Informations- und Kommunikationsmedien zur Entgrenzung der Arbeitswelt bei, denn schließlich ist es erst durch Handys, Tablets und Co. möglich, auch nach der regulären Arbeitszeit beruflichen Tätigkeiten nachzugehen oder an flexiblen Orten auf Arbeitsmaterialien digital zuzugreifen. Wir sprechen von einer erweiterten Erreichbarkeit (3).

Für die Arbeitspsychologin Karoline Schubert trägt auch der hohe Stellenwert der Selbstverwirklichung zu dieser Entwicklung bei: „Viele Menschen identifizieren sich sehr stark mit ihrem Job und sind gern bereit, auch abends oder am Wochenende zu arbeiten.“ Das betreffe nicht nur Selbstständige und Unternehmer, sondern beispielsweise auch die Erzieherin, die am Sonntagabend E-Mails von besorgten Eltern beantwortet.

Außerdem führt Schubert auch das veränderte Rollenverständnis in unserer modernen Gesellschaft an. Entgegen der klassischen Rollenverteilung haben heute auch Mütter die Möglichkeit, voll berufstätig zu sein und umgekehrt können auch Väter in die Erzieherrolle schlüpfen. Wir beobachten neben der veränderten Arbeitswelt auch einen grundlegenden Wandel in den Familien als zunehmend haushaltsübergreifende, multilokale Netzwerke (4) – sozusagen eine doppelte Entgrenzung.

Hat die Work-Life-Balance ausgedient?

Die strikte Trennung zwischen Arbeit und Leben, die mit einer traditionellen Arbeits- und Rollenverteilung verbunden war, gerät ins Wanken. Wir haben es mit einer regelrechten Verschränkung gesellschaftlicher Sphären zu tun. Karoline Schubert erklärt in diesem Zusammenhang, dass der viel verwendete Begriff Work-Life-Balance nicht korrekt sei. Er suggeriere, dass es einen Unterschied zwischen Arbeit und Leben gebe. Im arbeitspsychologischen Kontext spricht man daher von der Life-Domain-Balance. Das bedeutet, verschiedene Lebensbereiche wie Arbeit, Familienleben und Hobbys bestmöglich in Einklang zu bringen. 

Insbesondere für Frauen und Selbstständige ist es oft ein Tanz auf wackeligem Untergrundalphaspirit / Shutterstock.com
Insbesondere für Frauen und Selbstständige ist es oft ein Tanz auf wackeligem Untergrund

Chancen und Risiken

Natürlich bietet die Flexibilisierung von Arbeitszeit- und -raum individuelle Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten im Alltag, was unserem modernen Verständnis von Lebensqualität und Selbstbestimmung entgegenkommt. Außerdem empfinden es viele von uns als positiv, sich als Persönlichkeit in die Arbeit einzubringen und weiterentwickeln zu können (1).

Dennoch zeigt sich Entgrenzung als ambivalenter Prozess, der sowohl mit Chancen als auch Risiken verbunden ist. Durch den Übergriff der Arbeits- auf die Lebenswelt – oder andersherum – kommt es zu einer fehlenden Strukturierung von außen, sodass entsprechende Grenzen selbst gesucht werden müssen. Diese Selbstorganisation kann überfordern. Hinzu kommt der Druck, der durch Erwartungshaltungen gegenüber dem arbeitenden Individuum entsteht. Eine Untersuchung von 42 Einzelstudien verdeutlicht, dass sich vor allem die erweiterte Erreichbarkeit negativ auf die Life-Domain-Balance auswirkt (3). Zu den Beeinträchtigungen des Befindens zählen zum Beispiel  Erschöpfung, Stress, Probleme, abschalten zu können, Beziehungsprobleme sowie Rollenkonflikte als Arbeits- und Familienmensch.

Strategien für die Life-Domain-Balance

Obwohl der Balanceakt zwischen den verschiedenen Lebensbereichen hoch individuell und unterschiedlich komplex ist, lassen sich allgemeine Empfehlungen ableiten.

Zunächst spielt der Grad der Grenzkontrolle von Arbeits- und Privatleben eine erhebliche Rolle (2). Je mehr Kontrolle wir verspüren, desto höher ist das Wohlbefinden. Problematisch ist es dann, wenn Entscheidungen nur einseitig vom Arbeitgeber ausgehen und die Arbeitszeit- und Reiseplanung unzuverlässig und kurzfristig sind. Kommunikation ist also das A und O – auch mit Vorgesetzten über Erwartungen und Normen.

Durch unsere Smartphones ist es möglich, sehr schnell zwischen arbeitsbezogenen und privaten Texten hin und her zu springen, was die Konzentration auf eine Domäne erschwert. Das Privathandy sollte am Arbeitsplatz auf stumm geschaltet und nur zu bestimmten Zeiten auf Nachrichten geprüft werden. Umgekehrt gibt es auch zu Hause Möglichkeiten, die Verfügbarkeit zu reduzieren. So könnten dienstliche E-Mails nicht auf das Privathandy geleitet, eine Zeitspanne zur arbeitsbezogenen Kommunikation festgelegt, aufschiebbare Nachrichten nicht sofort beantwortet oder sich ein Diensthandy zugelegt werden. Karoline Schubert sagt jedoch, dass diese Maßnahmen natürlich nur dann Sinn machen, wenn man schlecht abschalten kann oder sich gestresst fühlt.

Gerade in Ausnahmesituationen wie der Corona-Krise werden viele Arbeitnehmer aus ihren gewohnten Strukturen gerissen und beispielsweise gemeinsam mit ihren Kindern ins Homeoffice verfrachtet. Nach Schuberts Empfehlung sollte der Arbeitsalltag auch zu Hause aufrechterhalten werden. Konkret schlägt sie vor, morgens den Wecker zu stellen, sich feste Pausen- und Arbeitszeiten zu setzen und einen Arbeitsplatz zu etablieren – das kann im besten Fall ein Büro, aber auch der Esstisch mit symbolischen Grenzverstärkern wie eine Tischdecke im Privaten und ein Locher für die Arbeit sein.

Die Krise bietet Chancen, das Thema Work-Life-Balance ganz neu anzugehen.Black Salmon / Shutterstock.com
Die Krise bietet Chancen, das Thema Work-Life-Balance ganz neu anzugehen.

Sport in einer entgrenzten Welt

Dass Sport und Bewegung wunderbare Ventile sind, um abzuschalten, einen Ausgleich zu schaffen, Kraft zu tanken sowie Konzentration und Gesundheit zu fördern, wissen wir längst. Um das Training optimal nutzenzu können, sollte auch beim Sport sowohl dienstliche als auch private Kommunikation über digitale Endgeräte vermieden werden. Durch ablenkende Nachrichten kann die wohlverdiente Quality Time nämlich ihre Wirkung verlieren. Es ist wichtig, die eigene Freizeit bewusst und in Abgrenzung zur Arbeitssphäre zu gestalten.

Daneben bietet Entgrenzung aber auch ganz neue Möglichkeiten. Durch die Flexibilisierung können zeitintensive Sportarten wie Triathlon gut mit der Arbeits- und Familiensphäre vereinbart werden. Außerdem können wir beispielsweise mit dem Fahrrad auf Arbeit fahren und vor Ort duschen, in der Mittagspause virtuelles Yoga direkt am Arbeitsplatz praktizieren, früher Feierabend machen und zum Vereinstraining gehen oder während des Indoor-Cyclings E-Mails beantworten und so weiter.

Auch der Bereich des Betrieblichen Gesundheitsmanagements bietet hier großes Potenzial,das in vielen Unternehmen noch nicht optimal ausgeschöpft wird.

Fazit

Wir führen alle völlig unterschiedliche Lebensstile, denen die Arbeitswelt mit mehr Flexibilität begegnet bzw. begegnen muss. Während die einen Berufs- und Privatleben lieber weitestgehend voneinander trennen, genießen die anderen die vielen Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Fühlt man sich durch die erweiterte Erreichbarkeit gestresst und unter Druck gesetzt, sollten individuelle Maßnahmen des aktiven Strukturierens für eine ausgeglichene Life-Domain-Balance gefunden werden. Entgrenzung bestimmt unseren Alltag in mehreren Facetten – nun liegt es an uns, das Potenzial auch zu nutzen.

Literatur

(1) Hirsch-Kreinsen H, Minssen H. (2017). Lexikon der Arbeits- und Industriesoziologie. 2. Aufl., 117-120: Nomos

(2) Kossek E. E. (2016). Managing work-life boundaries in the digital age. In: Organizational Dynamics, 45(3), 258–270

(3) Pangert B, Pauls N, Schüpbach H. (2016). Die Auswirkungen arbeitsbezogener erweiterter Erreichbarkeit auf Life-Domain-Balance und Gesundheit. 2. Aufl.: Bundesschutz für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

(4) Schier M, Jurcyk K, Szymenderski P. (2011). Entgrenzung von Arbeit und Familie – mehr als Prekarisierung. In: WSI Mitteilungen 8/2011, 402-408