Management
shape UP Business 4/2022

Gute Führung beginnt bei einem selbst

Entwicklung der Persönlichkeit entscheidend

Andere Menschen und ein Unternehmen zu führen, sind eigenständige Kompetenzen, die erlernt werden können und für eine erfolgreiche Führung unabdingbar sind. Mit diesen Kompetenzen habe ich mich in den vergangenen 25 Jahren sehr intensiv beschäftigt. Sie basieren auf dem ausgeprägten Verständnis der Selbstführung.

Cay von Fournier
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Unternehmerinnen und Unternehmer nehmen gelebte Werte persönlich, denn es entsteht keine Glaubwürdigkeit, wenn wir Werte wie Pünktlichkeit, Verbindlichkeit, Fairness oder Prozesstreue einfordern, diese selbst aber nicht vorleben. Die Voraussetzung effizienter Selbstführung oder -steuerung beginnt mit der Selbsterkenntnis und den zentralen Fragen der Philosophie: Wer bin ich? Wer will ich sein? Welche Werte sind mir wichtig? Daher ist neben einem Unternehmensleitbild das persönliche Leitbild so wichtig.

Die gelebten Werte

Zentrale Themen der Persönlichkeitsentwicklung sind daher gelebte Werte, die eine Persönlichkeit und somit ein Team und ein Unternehmen prägen. Einen Teil der Werte nenne ich „Was-Werte“. Sie prägen unser Leitbild und unser Anliegen. Was wollen wir erreichen? Die anderen Werte sind die „Wie-Werte“. Sie prägen unseren Charakter und unser Verhalten. Bei der Umsetzung eines Leitbildes und der Kommunikation mit dem Team geht es in erster Linie um diese Werte, die unser Verhalten prägen. Je revolutionärer und größer unser Anliegen ist, desto genauer sollten wir auf diese Werte achten. Für mich sind folgende Werte wichtig:

  • Klarheit
  • Sympathie
  • Souveränität
  • Zuversicht
  • Leidenschaft

Klarheit

Klarheit ist in unserem Denken und in unserer Sprache die Voraussetzung, um ein Familienunternehmen erfolgreich zu führen. Auch Führung wird dann leicht, wenn wir klar formulieren, was wir von einer anderen Person wollen. Viele Worthülsen werden hier produziert, nehmen dadurch Orientierung und machen Menschen manipulierbar. Vielleicht wird daher die unklare und unverbindliche Sprache in der Politik so oft verwendet. Unternehmen brauchen Orientierung, eine klare Vision und klare Ziele. Diesen Wert verbinde ich mit dem Wert der Konsequenz, denn Klarheit ist nur sinnvoll, wenn sie etwas bewirkt. Wirksamkeit fördert gute Energie.

Sympathie

Wir müssen hart in der Sache sein, aber immer weich im Ton. Höflichkeit, Empathie und Respekt sind die Grundlagenwerte, um Menschen nachhaltig für eine Sache gewinnen zu können. Sympathie schafft eine positive Verbindung und nur in einer solchen Verbindung wird Veränderung möglich.

Souveränität

Die Grundlage jeder gerechten Sache ist die Freiheit und unser Engagement, für diese einzutreten. Dabei dürfen wir uns weder von Eigeninteressen noch von den Interessen anderer ablenken lassen, die nicht dieser gerechten Sache dienen. Zu dieser Souveränität gehört daher auch immer die Verantwortung.

Zuversicht

Auch wenn es mitunter schwerfällt, weil der Berg so groß ist, die Umstände schwierig und der Weg so weit, so müssen wir doch die Zuversicht, den Glauben und die Hoffnung behalten, dass vieles besser wird. So entstehen Zuversicht und Optimismus, die Pflicht sind.

Leidenschaft

Damit draußen etwas leuchtet kann, muss innen etwas brennen. Nur mit Leidenschaft für eine Sache können Mitarbeiter langfristig motiviert werden. Dadurch entsteht auch innovatives und zielorientiertes Denken, durch das ein Unternehmen erfolgreich wird. Es ist die Leidenschaft, die Freude schafft.

Der persönliche Rückblick

Durch den Blick zurück starten wir den wichtigen Prozess der Selbstreflexion. Manchmal gelingen Dinge nicht auf dem ersten Anlauf. Das sind keine Misserfolge, sondern Lektionen. Es gibt keine bessere Voraussetzung, um lernen zu können. Er ist ein wichtiges Werkzeug der Persönlichkeitsentwicklung. Wenn ich ein Defizit bei Top-Führungskräften feststelle, dann ist es oft ein Mangel an Selbstreflexion, die etwas anderes ist als Selbstzweifel. Gerade durch die Reflexion entsteht Sicherheit. Im Moment des Rückblicks arbeiten wir an unserem Leben. Wir blicken dabei zurück: Wo kommen wir her? Was ist in dem betrachteten Zeitfenster passiert? Ein Beispiel: Blicken Sie zurück auf Ihre vergangene Woche. In 15 bis 30 Minuten können Sie sich folgende sieben Fragen stellen:

  • Was ist in der vergangenen Woche passiert?
  • Was ist mir gelungen und welche Ziele habe ich erreicht?
  • Was ist mir nicht gelungen und welche Ziele blieben offen?
  • Worüber habe ich mich gefreut und worüber geärgert?
  • Welche Menschen sind mir begegnet und wie habe ich sie behandelt?
  • Wofür bin ich dieser Woche dankbar?
  • Was habe ich in dieser Woche gelernt?

Wenn wir uns die Zeit nehmen, diese Fragen zu beantworten, dann war es auf alle Fälle eine gute Woche, denn entweder wir haben uns gefreut und machen uns das bewusst, oder wir haben uns nicht gefreut, aber daraus jetzt gelernt. „Gefreut oder gelernt“ – das könnte ein Motto für den Rückblick sein.

Aber es ist auch Vorsicht geboten, denn beim Blick stellen sich automatisch die „Hätte”-Fragen zurück. Wir hätten frühzeitig in Apple-Aktien investieren können. Oder wir hätten mehr Zeit für unsere Kinder haben können. Im Rückblick sind wir immer schlauer, denn wir kennen jetzt ja das Ergebnis. Wir haben mit unseren Mitteln und Fähigkeiten damals die für uns bestmöglichen Entscheidungen getroffen. Daher sollten wir bei solchen Gedanken gleich Frieden schließen:

  • mit der Vergangenheit, denn wir können sie ja nicht mehr ändern.
  • mit den Entscheidungen, die wir heute anders treffen würden.
  • mit unseren Fehlern, denn sie sind Grundlage unseres Lernens.mit der Planung, auch wenn sie hätte besser sein können.
  • mit der Umsetzung, auch wenn sie noch nicht geklappt hat.

Das Schöne dabei ist, dass wir heute durch den Rückblick in eine andere Richtung gehen können. Es ist nicht schlimm, einen Fehler zu machen. Es ist nur schlimm, ihn zu wiederholen.

Wenn einem dieses kleine Selbstexperiment guttut, dann sollte man daraus eine Routine machen, in der man am Ufer des Flusses seines Lebens sitzt und flussaufwärts blickt, um in der Stille dem Fluss zu lauschen und dabei zu lachen oder zu lernen. Am besten beides. Bedenken sollte man dabei auch den Frieden, den man schließen kann – ein wichtiger Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung.

Gelassenheit wichtig

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Dieses Gebet von Reinhold Niebuhr sagt zum Thema Gelassenheit viel aus. Sie spielt eine wichtige Rolle in der Persönlichkeitsentwicklung. Gerade wenn die Zeiten dynamisch und oft unverständlich sind, wenn die Empörung laut und die Hoffnung leise wird, ist es sehr sinnvoll, die eigene Gelassenheit als Unternehmer und Führungskraft zu trainieren.

Hier einige Beispiele für die Quellen für mehr Gelassenheit:

  • Dankbarkeit
  • gute Gespräche suchen
  • sich in Geduld üben
  • sich auf Möglichkeiten konzentrieren
  • das eigene Leitbild aktivieren
  • sich über Kleinigkeiten freuen
  • die innere Haltung überprüfen (besonders Erwartungen)
  • sich jeden Tag einen kleinen Wunsch erfüllen, der kein Geld kostet
  • spazieren gehen und sich gesund bewegen
  • weniger digitale Zeit
  • mit Kindern spielen

Gelassenheit hilft uns in stürmischen Zeiten, die Ruhe zu bewahren. Die Konzentration auf das Wesentliche ist so wichtig wie unsere Konzentration auf die Themen, die wir beeinflussen können, in unserem Team, unserem Unternehmen und unserer Familie.

Dieser Artikel ist erschienen in

shape UP Business 4/2022

Aktuelle Ausgabe
Erschienen am 15. November 2022