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shape UP Business 2/2022

Fitness-Digital

Wieviel online ist gesund?

Du kennst sie sicher selbst: Wearables, Fitnessuhren, Apps, die verbrannte Kalorien zählen, deinen Puls messen, Onlinekurse anbieten und deinen Schlaf überwachen. Wer möchte nicht gerne wissen, was der Körper im Inneren so treibt? Ein kurzer Blick zu seinem Idol auf Social Media, ein Beispielworkout nachschauen oder gleich noch eine Story posten, damit der Besuch im Studio nicht umsonst war.

Antonia Muriqi
Lesezeit: ca. 6 Minuten
LDprod / shutterstock.com

Vom Radio über TV bis hin zum Smartphone und den Wearables: Diese Medien versorgen uns täglich mit Wissen und Informationen über uns und unsere Umwelt. Die Nutzung dieser Medien hat aber nicht nur Auswirkungen auf unsere Motivation, sondern auch auf unser Schlaf- und Sozialverhalten. Unsere täglichen Helfer können unsere Gesundheit positiv, aber auch negativ beeinflussen.

Zuerst sollte man das Investment an Zeit genauer betrachten d. h. wie viel Zeit investiert man in Smartphone, Apps und Co? Sicher ist: Das Smartphone hängt Fernseher und Radio bei Weitem ab. Laut Media Activity Guide war das Fernsehen im Jahr 2021 in Deutschland zwar mit durchschnittlich knapp vier Stunden Nutzung am Tag das Medium mit der längsten täglichen Nutzungsdauer. Doch sind wir mal ehrlich: Der Fernseher sattelt doch meist nur im Hintergrund, während wir uns am Handy beschäftigen lassen. Das inhaltlich genutzte Internet und das Radio folgten mit rund 149 Minuten und 100 Minuten auf den Plätzen zwei und drei. Die Nutzungsdauer von Fernsehen und Radio ist seit 2014 gesunken, während die Nutzungsdauer des inhaltlich genutzten Internets im selben Zeitraum von 61 Minuten auf 149 Minuten anstieg. Kostenlose Onlinevideos waren das einzige Medium, das zwischen 2014 und 2021 einen Zuwachs des weitesten Nutzerkreises verbuchen konnte (1).

Das Smartphone spricht Wahrheit

Wie viel Zeit nutzen wir jedoch genau am Smartphone und wie viel im Detail mit welcher App? Viele Wearables sind mit einer eigenen App oder aber der Gesundheitsapp des jeweiligen Betriebsprogramms des Smartphones verknüpft. In einem Benutzeraccount werden die Daten gesammelt und Auswertungen in anschaulichen Darstellungen präsentiert. Wie viel Zeit du mit deinem Smartphone verbringst, kannst du ganz einfach selbst überprüfen. Denn dafür gibt es auf fast allen Handys inzwischen eine eigene vorinstallierte App. Bei iOS-betriebenen Geräten heißt sie „Bildschirmzeit“, bei Android „Digitales Wohlbefinden“. Sie lässt sich in den Einstellungen deines Smartphones finden und hält neben der minutengenauen Erfassung deiner Nutzungszeit auch noch weitere interessante Infos und nützliche Funktionen für dich parat. Zum Beispiel zeigt sie dir an, wie viele Minuten du genau mit welcher Anwendung verbracht hast. Gesundheitsapps schneiden allerdings in der Nutzungszeit eher schlecht ab.

Für die Erreichung von Gesundheitszielen sind in der Regel langfristige Änderungen im Lebensstil bzw. dem Selbstmanagement von Krankheiten erforderlich. Daher misst sich die Qualität einer Gesundheitsapp auch an ihrer Fähigkeit, Nutzerzielgruppen langfristig binden zu können. Marktforschungsanalysen zeigen, dass das Interesse von Nutzern an Apps in der Regel nach wenigen Wochen nachlässt. Das gilt auch für Apps, die in den Kategorien Gesundheit & Fitness sowie Medizin angeboten werden. Etwa die Hälfte dieser Apps erreicht eine durchschnittliche Nutzungsdauer von 30 Tagen und etwa ein Drittel schafft es, immerhin 90 Tage das Interesse ihrer Nutzer zu binden (2).

Blaues Licht und Wohlbefinden

Seit der Mensch PCs, Smartphones und LED-Lampen nutzt, setzt er sich verstärkt blauem Licht aus. Dieses Licht besteht aus kurzwelligen und energiereichen Lichtwellen, die in der Natur auch im Mittagssonnenlicht vorkommen und vor allem wach halten. Dieses Licht gibt eine Art Rhythmus vor, welcher wichtige biologische Funktionen im Körper steuert, z. B. das Ausschütten bestimmter Hormone zu bestimmten Tageszeiten. Solltest du also eine hohe Bildschirmnutzungszeit haben, kann dies dazu führen, dass dein Hormonhaushalt durcheinandergebracht wird.

Es ist bekannt, dass der Blauanteil im Licht von Displays und Monitoren die Augen erheblich schädigen könne. Er könne zu einer Makulardegeneration, schlimmstenfalls sogar zur Erblindung führen. Das blaue Licht rege die Zellen des Auges dazu an, schädliche Moleküle zu produzieren. Das wissenschaftliche Komitee der EU für Gesundheit beschwichtigte zeitgleich auf dessen Website: „Studien zeigen, dass die Strahlung von LED-Screens in Fernsehern, Laptops, Handys, Tablets und Spielzeugen weniger als 10 Prozent der maximalen Höhe des Sicherheits-Limits beträgt“. Bei normalem Gebrauch würde kein Risiko vorliegen. Dennoch sei eine Augenschädigung durch ein Übermaß möglich und in Anbetracht der Nutzungszeiten einzelner Nutzer bedenklich. „Zurzeit liegen nur Studien an Modellen und Tieren vor, nicht aber am Menschen“, fasst Professor Stephan Degle die Studienlage zusammen. Er forscht an der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena unter anderem zu Licht und Beleuchtung in der Optik und Optometrie. Es sei nicht auszuschließen, dass Netzhaut und Linse des menschlichen Auges durch ein Übermaß an blauem Licht Schaden nehmen können – vor allem, wenn es gebündelt auf das Auge treffe, wie es bei manchen LED-Leuchten der Fall sei .

Probleme beim Einschlafen

Auch noch nicht zu Ende erforscht ist die Wirkung des blauen Lichts auf das Schlafverhalten. Im Abendlicht ist der Anteil an blauem Licht sehr gering. Nicht umsonst hat sich unser Körper auf diese Gegebenheit angepasst. Für ihn ist dies ein Signal, das müde machende Hormon Melatonin zu bilden. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass zu viel blaues Licht den Körper hemmen kann, das Schlafhormon auszuschütten. Das kann zu Problemen beim Einschlafen oder sogar beim Durchschlafen führen (3).

Leider lässt sich nicht genau sagen, inwieweit die Nutzung digitaler Medien, sei es über Wearables, Smartphones oder Monitore, den Augen oder generell der Gesundheit schaden. Prinzipiell sind aber Schlaf- und Wohlbefinden sehr wohl negativ beeinflusst, wenn die Nutzung von der normalen, durchschnittlichen Dauer abweicht. Bei der jungen Generation geht der Trend hin zu der digitalen Welt und weg von der Natur. Dabei ist gerade bei Kindern und Jugendlichen die negative Wirkung deutlich höher, denn in der Entwicklung reagiert das menschliche System sensibler und beispielsweise die Sehfähigkeit bildet sich hier erst richtig aus. Einige Gesundheitsanbieter wechseln nun die Seite und springen eben nicht auf den Zug der Digitalisierung auf. Sie bieten stattdessen digitales Detoxen oder Reisen in die Natur an. Wer bereits zu spüren bekommen hat, was übermäßiger digitaler Konsum mit seinem eigenen Körper anstellt, ist offen für solche Angebote. Darin liegt eine Chance, tolle Nischenprodukte bzw. -dienstleistungen zu schaffen.

Kurioserweise gibt es Apps, die helfen sollen, den Handygebrauch einzuschränken. Sie zeichnen, wie auch die vorher dargestellten Apps, auf, wie häufig der Nutzer sein Smartphone aktiviert und was er damit macht. Am Ende des Tages kommt die Bilanz. Steht da in etwa „Heutige Nutzung: 3h 45m – Bildschirm entsperrt: 199 Mal“ – dann ist das Staunen meist groß. Oftmals ist das Entsperren des Smartphones oder das Betrachten gewisser Appinhalte nämlich kein bewusster Prozess. Aus „kurz nach der Pushnachricht schauen“, wird schnell einmal zweistündiges Surfen. Diese oftmals kurzen Unterbrechungen in unserem Alltag, auch wenn sie unbewusst sind, stressen unser System sehr. Eine aufblinkende Nachricht auf dem Smartphone, und sei sie nur im Augenwinkel bemerkt worden, lenkt uns ganze acht Minuten von dem ab, was wir gerade machen (4).

Gefahr der Vereinsamung

Die Apps sind ein gutes Mittel zur Selbsterkenntnis – Umsetzungen muss der Nutzer allerdings selbst in die Hand nehmen. Am Ende ist das aber alles eine Frage der Routine, denn diese Routinen im Alltag haben die meisten Nutzer auch zu der hohen Bildschirmzeit gebracht. Es ist ein angewöhntes Verhalten, welches wir uns auch in der Gruppe abschauen. Sobald es in einer Gruppe still wird, zücken alle ihr Handy und schauen auf den Bildschirm, ohne einen bestimmten Grund (Abb. 1). Viele Psychologen setzen sich mit diesem Verhalten auseinander und kommen zu dem Entschluss, das dieses Gruppenverhalten letztlich dazu führt, dass wir vereinsamen. Es schließt Interaktionen im Jetzt und Hier aus und lässt die Nutzer in die unwirkliche digitale Welt eintauchen. Zwar treffen wir dort „Freunde“ und „Idole“, aber der eigentliche soziale Kontakt, das Berühren, das gemeinsame Spielen, Lachen, Reden können Smartphone, Wearables und Apps nicht ersetzen.

Abbildung 1: Vereinsamung durch Gruppenzwang DisobeyArt / shutterstock.com

Körperliche Gesundheit ist mehr als nur der Puls, Aktivität oder Leistungsniveau. Die Gesundheit besteht ebenso aus den Säulen der Psyche und des Sozialen. In Hinblick auf die genannten Risiken, die die Nutzung der digitalen Medien auf uns hat, sollte jeder für sich selbst abwägen, inwieweit diese ihm beim Gesundbleiben helfen, denn „Gesundheit ist der Zustand des vollkommenen physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens“ (5).

Tipps

  • Schalte das Smartphone eine Stunde vor dem Schlafengehen aus, um zur Ruhe zu kommen.
  • Plane handyfreie Zeiten ein, z. B. bei Treffen mit Freunden oder beim Sport.
  • Aktiviere den Nachtmodus im Smartphone und am Bildschirm, so schonst du deine Augen.
  • Aktiviere den Flugmodus über Nacht und auch beim Arbeiten, um nicht unnötig von Push-Nachrichten gestört zu werden.

Literatur

  1. Statista.de. 2021. Durchschnittliche tägliche Nutzungsdauer ausgewählter Medien in Deutschland im Jahr 2021. su.rpv.media/4a7. Zugriff am 07.01.2022
  2. Petersen J. 2013. Bachelorarbeit: Prophylaxe und Selbstdiagnostik durch die Verwendung von Gesundheits-Apps – Nutzen, Akzeptanz. su.rpv.media/4a8. Zugriff am 07.01.2022
  3. Farago P. 2012. App Engagement: The Matrix Reloaded. su.rpv.media/4a9. Zugriff am 07.01.2022
  4. GfK Umfrage. 2016. Jeder vierte deutsche Internetnutzer setzt auf Gesundheits-Apps oder Fitness Tracker. su.rpv.media/4aa. Zugriff am 07.01.2022
  5. Scientific Scientific Committee on Health and Environmental Risks. su.rpv.media/4ab. Zugriff am 07.01.2022

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Aktuelle Ausgabe
Erschienen am 22. Juni 2022