Corona sei dank. Denn: „Jede Krise ist auch eine Chance.“ Allerdings: „Die Chance besteht darin, die gemachten Fehler zu erkennen und sie nicht zu wiederholen.“ Fehler zu erkennen, war bisher nicht die Stärke der Branche. Das Wachstum der letzten Jahre an Studios und Mitgliedern wurde immer wieder gern als Ergebnis fehlerfreier Entwicklung angeführt. Der Schock des totalen Shutdown von Mitte März hat vielen dann die Augen geöffnet und die Fehler der Vergangenheit schmerzlich bewusst gemacht. Denn Fitnessstudios wurden nicht wegen des Virus geschlossen, sondern weil sie nicht systemrelevant sind.

Die Gründe dafür lagen und liegen eigentlich für alle sichtbar auf der Hand:

Fitness ist kein Wirtschaftsfaktor. Gemessen am Umsatz von 5,51 Milliarden pro Jahr erwirtschaftet die Branche weniger als Friseurläden mit sieben Milliarden. Auch eine Folge der jahrelangen Dumpingpreis-Entwicklung.

Beschäftigungspolitisch irrelevant sind Fitnessstudios auch, weil viele der Mitarbeiter nur Honorarkräfte sind. Und weil selbst Fachkräfte mit Hochschulstudium gern weit unter Qualifikation bezahlt werden. Arbeitgeber, die ihre Leistung zu Dumpingpreisen verramschen, können eben nur Hungerlöhne zahlen. 217.400 Arbeitskräfte habe der Fitnessmarkt, vermelden die Eckdaten des DSSV. Selbst Gebäudereiniger gibt es mehr (700.000) und die arbeiten sogar nach Tarifvertrag. Nicht mal als Kurzarbeiter spielen Fitness-Fachwirte also eine Rolle am Arbeitsmarkt.

Fitnesstraining gilt als Freizeitgestaltung. Zur Anerkennung als systemrelevanter Schutz vor dem Virus wäre eher ein wissenschaftlicher Nachweis notwendig, dass Fitnessstudios grundsätzlich und aktuell durch spezielle Trainingsangebote wesentlich zur Stärkung des Immunsystems beitragen. Die bloße Behauptung – selbst, wenn sie von Wissenschaftlern stammt – zählt für die Politik nicht. 

Als Unternehmensgruppierung nicht ernst genommen, gelten Studios im Kreis deutscher Wirtschaftsverbände eher als Schmuddelkinder:

  • Es fehlen allgemein verbindliche Qualitätsnormen (die DIN-Norm wird von den meisten Studios als nutzlose Geldschneiderei abgelehnt).
  • Es gibt keine klare Positionierung im Dienstleistungsmarkt (dient Fitness der Gesundheit, der Unterhaltung oder dem Zeitvertreib?). 
  • Fitness mangelt es an Akzeptanz (in weiten Teilen der Bevölkerung gelten Studios immer noch als Mucki-Buden).

Selbstüberschätzung

All diese gravierenden Mängel haben die Repräsentanten der Branche einfach ignoriert, bis man nach vier Wochen Schockstarre endlich aktiv zu werden begann. DSSV, DIFG und VDF schrieben Briefe an die „Sehr geehrte Frau Merkel“, diverse Minister, Behörden und parlamentarische Hinterbänkler. Statt darin jedoch mit der Bedeutung eines moderaten Fitnesstrainings für das Immunsystem der Menschen zu argumentieren, beklagten sie die finanzielle Not der Betreiber, verwiesen in völliger Selbstüberschätzung auf die Steuerkraft der Branche und versprachen unpräzise Sicherheitskonzepte für den Fall der Wiederöffnung. 

Klagen, Extrawürste

Die einen bettelten. Die anderen klagten. Ebenso kontraproduktiv wirkten Klagen wie die des Bielefelder Anwalts Dr. Geisler, der in Eilanträgen die gesetzlichen Grundlagen der Schließungen in Zweifel zog und auf staatlichen Schadensersatz abzielte. Folgerichtig scheiterten Klagen an Gerichten in Münster, Weimar, Mannheim und Koblenz. Schlimmer als die juristischen Schlappen wirkt der Imageverlust, den das Verlangen nach Extrawürsten den Fitnessstudios in weiten Teilen der Bevölkerung eingebracht hat.

Wer selbst von Quarantäne, Kündigung und Kurzarbeit bedroht oder zusätzlich zum Homeoffice auch als Kita- oder Schulersatz gefordert ist, hat natürlich null Verständnis, wenn „ausgerechnet“ Fitnessstudios Sonderrechte beanspruchen und damit sogar vor Gericht ziehen.

Studios zeigen Präsenz

Statt solche Eigentore zu schießen, setzten Studios lieber auf die Solidarität ihrer Mitglieder, erklärten ihre Lage, boten kostenfreie Ersatzzeiten an und stellten Trainingsvideos zum „Fitbleiben at Home“ ins Netz. Weil die Verbände wochenlang auf Tauchstation verschwanden, setzten die Studios auf Ratschläge und Vorlagen ihrer Industriepartner. Die kamen etwa vom Hamburger Software-Dienstleister MAGICLINE, der bereits am Tag der Studioschließungen Handlungsempfehlungen für Studiobetreiber zu den Auswirkungen des Coronavirus auf die Fitnessindustrie für alle zugänglich auf seiner Homepage veröffentlichte. Auch der Gerätehersteller eGYM leistete Hilfestellung, die eigentlich von einem der (zu) vielen Branchenverbände hätte kommen müssen. eGYM-Chef Mario Görlach versorgte seine Kunden mit Argumenten der Fitnessexperten Professor Elke Zimmermann und Andreas Bredenkamp über den Nutzen von Muskeltraining für das Immunsystem. Damit „bombardierten“ viele Studios dann die Ordnungs- und Gesundheitsämter ihrer Region.

Image aufpolieren

Einer, der es dabei nicht belassen wollte, war Nico Scheller, Geschäftsführer von zwölf In Shape-Fitnessclubs in Baden-Württemberg. So gründete er eine Facebook-Gruppe, dann den „Verein zur Förderung der Fitnessbranche in Deutschland“, dem sich schnell mehr als tausend Sympathisanten aus dem Fitnessmarkt anschlossen. „Die alten Rivalitäten müssen überwunden werden“, sagt Scheller, „wenn wir etwas erreichen wollen“.

Elefantenrunde

Eine Botschaft, die offensichtlich auch die Repräsentanten der seit Jahren verkrusteten Strukturen der Branche vernommen haben. Denn bald nach Gründung des Fördervereins trafen sich Verbandsvertreter und andere Wortführer der Branche zu mehrfachen Video-Chats, um „mit gemeinsamer Stimme und einheitlicher Strategie für die Wiedereröffnung der Studios einzutreten“.

Der Deutsche Industrieverband für Fitness und Gesundheit (DIFG e. V.) – lang als Lobby-Verein der Fitnessindustrie und nur als Randerscheinung wahrgenommen – übernahm in der Elefantenrunde aus BVGSD, VDF und DFAV eine Führungsrolle. Der Industrieverband brachte eine Studie ein, die von der TU München und vom IST-Studieninstitut erarbeitet worden war. Nun lag zum ersten Mal ein Corona-taugliches Konzept für das Fitnesstraining vor. Außerdem konnte DIFG-Geschäftsführer Niels Nagel die renommierte Werbeagentur Jung van Matt als Partner für die erste bundesweite Werbekampagne mit Image-Anzeigen fürs Fitnesstraining gewinnen. Mit ganzseitigen Anzeigen in der Süddeutschen und der FAZ warb der DIFG für #GesundheitBrauchtFitness. 

Die Lehre daraus?

Fitness braucht Gesundheit, WENN die Branche das nächste Mal nicht wieder als „nicht systemrelevant“ eingestuft werden soll. Ob die Arbeitsgemeinschaft der Fitnessverbände, zu der sich die Elefantenrunde inzwischen zusammengefunden hat, das bewirken kann, ist unkalkulierbar wie der Verlauf einer Corona-Infektion. Denn mit dem DSSV steht einer der Hauptverbände allen Aufforderungen zum Trotz im selbstgewählten Abseits. Die beiden Lager sind sich zwar in der Forderung einig, für die Dienstleistung Fitness müsse die Mehrwertsteuer gesenkt werden. Doch das bedeutet noch längst nicht, dass DSSV und die „AG Fitness Deutschland“ die Forderung auch gemeinsam vertreten.