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shape UP Business 3/2022

„Es lohnt sich Zeit und Energie in Kooperationen zu investieren“

Therapie und Training müssen besser aufeinander abgestimmt sein – das hört man häufig im Austausch unter Kollegen. Interdisziplinarität wird dabei nicht nur auf ärztlicher Seite, sondern auch in Prävention und Rehabilitation gefordert. Unterschiedliche rechtliche sowie versicherungs- und abrechnungstechnische Herausforderungen machen das in der alltäglichen Arbeit allerdings nicht ganz so einfach.

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Phanu D Pongvanit / shutterstock.com

Unter Kooperation im medizinischen Bereich verstehen Experten das zweckgerichtete Zusammenwirken zweier Personen gleicher oder unterschiedlicher Berufsgruppen, mit dem Ziel, die Kunden bestmöglich zu unterstützen. Gerade interdisziplinäre Kooperationen können einen enormen Mehrwert für den Kunden bedeuten. Patienten wünschen sich, dass Ärzte mit den Therapeuten und Trainern besprechen, was getan werden soll und in welcher Intensität. Doch dieses Idealbild kommt in der Realität nur recht selten vor. Der Leistungssportbereich ist dabei sicherlich eine Ausnahme, denn hier laufen meist deutlich klarere Absprachen innerhalb der Vereine. Aber selbst im Profi-Setting besteht noch viel Potenzial. Wenn die Klienten dann auch noch viel unterwegs sind und beruflich sowie privat in unterschiedlichen Städten sein müssen, dann wird es noch komplexer. Aber wie ein bekanntes Sprichwort so schön sagt: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ Anhand eines Praxisbeispiels zeigen zwei Menschen aus der Branche, wie die fachliche Kooperation selbst über Stadtgrenzen hinweg funktionieren kann.

Als Expertin für neurozentriertes Training hat sich Luise Walther (LW) auf Schmerz- und Performance-Coaching sowie Edukation fokussiert. Nils Döse (ND) ist Osteopath, Physiotherapeut,Heilpraktiker und Gründer von Munique Performance, einer integrativen Praxis für Athletiktraining und Sporttherapie in München.

Wie kam es zu der Kooperation?

LW: Wir haben uns bei einer Weiterbildung kennen gelernt und sind seitdem sehr intensiv in den fachlichen Austausch getreten. Ich hatte einige Kunden, mit denen ich nicht die erwünschten Erfolge erzielte. Und zum Teil komme ich natürlich als Trainerin an meine fachlichen Grenzen. Manche Fälle gehören nach ärztlicher Absprache erst einmal in therapeutische Betreuung.

ND: Das Spannende ist ja, wenn Therapie und Training Hand in Hand gehen und man sich auf die fachliche Expertise der Partner verlassen kann. Meinen Patienten sage ich oft, du erkennst Experten daran, dass sie zugeben, wenn sie etwas nicht wissen oder für gewisse Bereiche nicht der richtige Ansprechpartner sind. Die Steuer lasse ich schließlich auch von meinem Steuerberater machen und nicht von einem Grafikdesigner. Die Sensibilität und Kompetenz, den eigenen Wirkungsradius und Zuständigkeitsbereich klar abzustecken und sogenannte Red Flags zu erkennen, ist für mich die Grundlage.

Was bedeutet Kooperation für euch?

ND: Für uns bedeutet Kooperation die fallspezifische Zusammenarbeit in unterschiedlicher Intensität – sowohl zeitlich als auch inhaltlich. Wir haben dabei in den letzten Jahren ganz klassisch unterschiedliche Stufen durchlaufen, vom reinen Informationsaustausch über Erfahrungsaustausch bis hin zu Absprachen bei gemeinsamen Klienten.

LW: Genau, über manche Fälle sprechen wir anonymisiert am Telefon und tauschen uns über Impulse aus, die den Trainierenden helfen könnten. Bei spezielleren Problemen besprechen wir die Erfahrungen ausführlicher, zum Beispiel wie Klienten auf unterschiedliche Interventionen reagiert haben, welche Erwartungen wir hatten und welche Resultate zu erreichen waren. Dabei verbinden wir die Perspektiven von Therapie und Training miteinander – das hat sich für uns als sehr effektiv herausgestellt. Manchmal hilft der andere Blickwinkel, aus den gewohnten Denk- und Anwendungsmustern herauszutreten. Und im intensivsten Fall der Zusammenarbeit haben wir Klienten, die wir beide gemeinsam betreuen.

Was sind grundlegende Voraussetzungen?

ND: Um eine erfolgsversprechende Kooperation aufzubauen, braucht es gegenseitiges Verständnis, gegenseitige Hilfe, gegenseitiges Vertrauen beziehungsweise Verlass auf den jeweils anderen. Absolut elementar ist jedoch eine gute und vor allem ehrliche Kommunikation. Eines der größten Probleme im medizinischen Bereich sind die unterschiedlichen Fachbezeichnungen zwischen verschiedenen Berufsgruppen (Physiotherapeuten, Osteopathen, verschiedene Fachärzte, Trainer et cetera) und die sehr unterschiedlichen Ausbildungsstandards national und international. Dadurch kann der Wissensstand beispielsweise zwischen älteren und jüngeren Ärzten, Therapeuten oder Trainern durchaus variieren. Hinzu kommt, dass die unterschiedlichen Ausbildungs- und Qualifizierungswege nicht standardisiert sind.

LW: Kommt es zu einer medizinischen Kooperation von drei Parteien (Kunden, Therapeuten, Trainern) über Stadtgrenzen hinweg, ist es zunächst wichtig, dass in der Erstuntersuchung sogenannte Red Flags, also differenzialdiagnostisch relevante Kontraindikationen für eine Therapie oder ein Training, ausgeschlossen werden, gegebenenfalls auch mit Unterstützung von entsprechenden Fachärzten. Hier gilt ganz klar: Safety First. Außerdem macht dieses Prozedere das professionelle Handeln aus, schafft Vertrauen und sichert eine gute Compliance zwischen Hilfesuchenden und Helfenden.

Tipps für die Kooperation

Vorarbeit und klare Absprachen

  • Welche Diagnosen und Anamnesen sind vorhanden?
  • Was wurde schon umgesetzt, wie reagierten die Trainierenden darauf?

Kooperationspartner bewusst wählen

  • Welche Interessen sind gegenseitig vorhanden, geht es um kurzfristige Kooperationen oder langfristige Zusammenarbeit?

Realistische Erwartungshaltung kommunizieren

  • unter den Kooperationspartnern
  • mit den Trainierenden

Kompetenzen definieren und abgrenzen

  • Wer hat welche Zuständigkeit, auch rechtlich und versicherungstechnisch?
  • Wie läuft die Kommunikation mit Trainierenden?
  • Therapeutische Aspekte haben immer Vorrang vor trainingstechnischen Elementen.

Datenschutz beachten

Befähigung der Kunden

  • Kunden befähigen, kompetent und reflektiert über ihre eigenen Fortschritte und Rückschritte zu berichten

Netzwerken

  • Energie und Zeit investieren, Kontakte pflegen und konstruktiv austauschen

Könnt ihr das an einem Beispiel konkretisieren?

LW: Ich hatte zum Beispiel kürzlich einen Kunden im Alter von 42 Jahren, der als Berufspendler zwischen Berlin und München unterwegs war. Ursprünglich kam er wegen Rückenbeschwerden zu mir zum Training. Seine Kreuzschmerzen konnten wir durch neurozentriertes Training innerhalb von rund zwei Monaten verbessern. Aber er litt noch regelmäßig unter Achillessehnenprobleme, die bisher nicht in den Griff zu bekommen waren. Ich klärte mit dem Kunden ab, ob er bereit wäre, meinen Kollegen in München zur weiteren Abklärung aufzusuchen. Nach seiner Zustimmung kontaktierte ich Nils und informierte ihn zu den bisherigen Assessments aus dem Training, den aktuellen Trainingserfolgen und Herausforderungen und zur Erwartungshaltung des Kunden.

ND: Ich übernahm dann nach ausführlicher Übergabe die Therapie. Nach Absprache mit Luise fokussierte ich mich auf die Schmerzreduktion. Wir legten eine gemeinsame Kommunikationsstrategie und ein einheitliches Wording fest. Gerade wenn man einen Kunden gemeinsam betreut, ist es wichtig, die gleichen Erklärungen und Worte zu nutzen. Sonst entstehen leicht Missverständnisse. Zudem ist es uns immer wichtig, die Schwerpunkte aufzuteilen. In München bei mir war die Therapie im Vordergrund. Bei Luise in Berlin standen hauptsächlich Training und Edukation auf dem Programm. Dabei kamen sowohl persönliche Treffen jeweils vor Ort zum Einsatz als auch Einheiten via Videocall.

LW: Wichtig sind uns auch strukturierte Besprechungseinheiten nach den Therapie- und Trainingssitzungen. Zu diesen Terminen tauschen wir uns zum Verlauf der letzten Einheit, zu Entwicklung und Fortschritt im Hinblick auf Schmerzen, Belastung, Bewegung und Stress sowie zu Trainings- beziehungsweise Therapiesteuerung und -sequenzierung aus. Und es gibt natürlich auch einen Ausblick auf die nächste Einheit. So informieren wir uns gegenseitig und jeder weiß, was der andere macht, wie es dem Kunden geht und was als Nächstes ansteht.

Das alles kostet aber auch Zeit und Energie. Wie schafft ihr es, aus diesen vermeintlichen Nachteilen Vorteile zu machen?

LW: Kooperationen kosten Zeit und Energie und am Ende geht der Kunde zur Konkurrenz – diese Vorurteile haben wir beide schon oft genug gehört. Andere Kollegen wollen sich gar nicht austauschen oder Einblicke in ihre Arbeitsweise geben, die wollen nicht kooperieren – auch das ist unserer Erfahrung nach nur ein Vorurteil. All diese angeblichen Nachteile kann man nämlich smart zu Vorteilen machen:

  • Die investierte Zeit führt zu optimierten Kundenerfolgen und das wiederum zu Weiterempfehlungen.
  • Langfristig lassen sich über das Netzwerk das eigene Marketing und Empfehlungsmanagement verbessern, sodass alle Beteiligten davon profitieren.
  • Kompetenz und Expertise bauen sich nachhaltig auf und man wird zum Vermittler und Problemlöser für Klienten, ohne selbst Experte in allen Bereichen sein zu müssen.
  • Mag sein, dass Klienten auch einmal beim Kooperationspartner bleiben, dafür werden aber auch neue Personen zurückvermittelt.
  • Expertise spricht sich schnell und diversifiziert herum, dadurch entsteht Zugang zu neuen Kundengruppen.

ND: Wir beide können aus eigener Erfahrung sagen, dass es sich lohnt, Zeit und Energie in Kooperationen zu investieren. Das muss nicht immer in der eigenen Stadt sein. Wenn Klienten bereit und offen sind, kann die Zusammenarbeit über Stadtgrenzen hinweg einen hohen Mehrwert generieren. Denn die Klienten profitieren gleich doppelt. Sie bekommen quasi kuratiert eine zweite Perspektive auf ihre gesundheitliche Herausforderung geliefert und können sich darauf verlassen, dass die Experten gemeinsam an der Erreichung der Ziele arbeiten.

Wie profitiert ihr persönlich von der Zusammenarbeit?

LW: Ich habe durch die Kooperation eine ganz andere Sicht auf meine Arbeitsweise bekommen. Die Fälle zu besprechen und ganz klar zu formulieren, was ich warum in der jeweiligen Einheit gemacht habe, hat zu ganz fokussierten Abläufen und punktgenauer Kommunikation geführt. Gleichzeitig habe ich mich viel mehr mit den Themen und Kommunikationskonzepten der Therapie auseinandergesetzt. Mich im Training auf ausgezeichnete Diagnostik verlassen zu können und zu wissen, dass die Kunden in besten Händen sind, entspannt mich einerseits und spornt mich dann fachlich nochmal mehr an, im Training die feinen Nuancen auszuarbeiten.

ND: Der Austausch und die Diskussionen haben meinen Fokus geschärft, integriert zu arbeiten und zu kommunizieren. Besonders das Thema Selbstwirksamkeit ist dadurch noch einmal mehr in den Mittelpunkt der Kommunikation mit meinen Patienten gerückt. Meine Arbeit zielt immer auf maximale Leistungssteigerung, Schmerzlinderung und die Verbesserung von Bewegungseffizienz ab. Mich dabei besonders auch auf die kommunikativen Stärken der Wissensvermittlung bei Patienten zu verlassen, erlaubt es mir, mich gezielt auf individuelle Therapiereize zu konzentrieren.

Die Fragen stellte Dr. Tanja Boßmann

Gewusst wie!

Tipps für die Umsetzung:

  • Zeitfenster einplanen für den Austausch
  • überlegen, welche Kunden geeignet wären
  • mit Kunden über die Idee sprechen
  • Kontakt aufnehmen zu Experten, die fachlich interessant sind
  • auf Weiterbildungen und Seminaren das eigene Netzwerk erweitern
  • online an Kongressen teilnehmen oder interessante Referenten anschreiben
  • einfach mal machen

Vorteile für Klienten:

  • bessere und bedarfsgerechtere Betreuung
  • effektive und effiziente Kommunikation
  • schnellere zielgerichtete Problemlösung
  • Selbstwirksamkeit wird gesteigert, da aktive Kundenansprache und Einbeziehung in Behandlungs- und Trainingsprozess
Luise Walther ist Trainerin und Expertin für Neurozentriertes Training mit Schwerpunkt auf funktioneller Neurologie und neuronalem Bewegungstraining. Andreas Sebayang
Nils Döse ist Physiotherapeut, Osteopath und Heilpraktiker mit Spezialisierungen in der Rehabilitation und Leistungsoptimierung mit Hilfe neurozentrierter Trainingsansätze. Nils Döse

Dieser Artikel ist erschienen in

shape UP Business 3/2022

Aktuelle Ausgabe
Erschienen am 22. September 2022