Der Alltag der Menschen wird zunehmend von der Digitalisierung beeinflusst. Dies wirkt sich auch auf Bereiche aus, die von traditionellen Strukturen und Mechanismen geprägt sind, wie etwa dem Gesundheitswesen. Der digitale Wandel bietet hier eine große Chance, Prozesse zu vereinfachen und effektiver zu gestalten, bringt aber auch drastische Veränderungen für alle Beteiligten. 

Diese Veränderungen wirken sich nicht nur auf Ärzte und Patienten aus, sondern auch auf die Krankenkassen und ihre Verbände. An dieser Stelle spielen die gesetzlichen Krankenkassen auch in der digitalen Welt eine wichtige Rolle als Gestalter im Gesundheitswesen, vor allem im Hinblick auf die Steuerungshoheit und den Patientenschutz. Der Artikel zeigt die momentane Situation im Gesundheitswesen auf und vermittelt ein fundiertes Grundlagenwissen über die Digitalisierung im ersten und zweiten Gesundheitsmarkt. Des Weiteren sollen mögliche Implikationen für gesetzliche Krankenkassen, ihre Verbände und den GKV-Spitzenverband abgeleitet und das konkrete Beispiel der Telemedizin beleuchtet werden.  

Gesundheit im Fokus

Die Gesundheitswirtschaft setzt sich aus vielen Akteuren zusammen. Der Kernbereich, auch erster Gesundheitsmarkt genannt, umfasst den Bereich der klassischen Gesundheitsversorgung, die größtenteils durch die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) und die private Krankenversicherung (PKV) einschließlich Pflegeversicherung finanziert wird. Als zweiter Gesundheitsmarkt werden alle privat finanzierten Produkte und Dienstleistungen rund um die Gesundheit bezeichnet. Dabei ist die Zuordnung, welche Waren und Dienstleistungen einen Bezug zur Gesundheit aufweisen, nicht klar definiert und teilweise umstritten. Der zweite Gesundheitsmarkt umfasst nach allgemeinem Verständnis freiverkäufliche Arzneimittel und individuelle Gesundheitsleistungen, Fitness und Wellness, Gesundheitstourismus sowie zum Teil die Bereiche Sport/Freizeit, Ernährung und Wohnen.

Endgeräte als Grundlage

Die Digitalisierung der Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren enorm beschleunigt und sie nimmt Jahr für Jahr mehr Geschwindigkeit auf. Insbesondere zeigt dies die Verbreitung digitaler Endgeräte wie Smartphone, Laptop oder Tablet. Diese sind aus dem privaten wie beruflichen Umfeld ihrer Nutzer nicht mehr wegzudenken. Auch im Gesundheitssektor ist ein starker Anstieg von spezieller Software bzw. App-Anwendungen zu beobachten. In Deutschland existierten neben übergreifenden Gerätekategorien wie Smartphones im Jahr 2016 knapp elf Millionen digitale Endgeräte. Ein weiterer, entscheidender Faktor sind Wearables, welche die Vitalfunktionen der Nutzer messen und auswerten können. Diese waren vor einigen Jahrzehnten nur in Großgeräten verfügbar und sind nun am Handgelenk als Uhr zu sehen. Zukünftig könnte sich dieser Trend durch implantierbare (Mikro-)Sensoren fortsetzen. Die Speicherung und Nutzbarkeit der von den Wearables gesammelten Daten ermöglicht die zielgerichtete Diagnostik, sowie darauf basierend die Entwicklung individueller Therapien und die analytische Unterstützung bei klinischen Entscheidungen.

Inzwischen sehen Konsumenten beziehungsweise Patienten die Digitalisierung des Gesundheitsmarktes durchaus als Chance. Gleichzeitig sind weiterhin Bedenken bzgl. der Nutzung digitaler Technologien im Gesundheitsmarkt vorhanden. Diese nehmen allerdings tendenziell ab. Begründet werden die Zweifel durch mangelnde Digitalkompetenz und in Datenschutz- sowie Qualitätszweifeln.

Fitnesstracking

35 Prozent

Überwachung von Blutzucker, Blutdruck und Atemfunktion

24 Prozent

Erinnerung zur Einnahme von Medikamenten

18 Prozent

Digital und smart

Digitale Gesundheitsangebote lassen sich entweder dem Geschäftskundenbereich (B2B) oder dem der Konsumenten zuordnen, welcher Gesunde (B2C) sowie Erkrankte (B2P) umfasst. Die B2B-Angebote machen insgesamt über die Hälfte aller Lösungen im digitalen Gesundheitsmarkt aus und adressieren Leistungserbringer, private Anbieter sowie Kostenträger. Digitale Angebote aus dem B2C-Segment richten sich an gesunde Konsumenten und verfolgen eine bewusstere und präventive Lebensweise. Inzwischen sind gerade B2P-Angebote wesentliche Treiber der Digitalisierung im Gesundheitsmarkt, insbesondere für datengestützte Lösungen.

B2B

Business to business

BTP

Business to patient

BTC

Business to client

Das größte Segment des B2P-Bereiches sind Angebote im Bereich der Therapiebegleitung. Digitale Lösungen zum Krankheitsmanagement sind ein weiterer Schwerpunkt. Hier existieren innovative Ansätze zur Behandlung chronischer Krankheiten, insbesondere von Diabetes. Digitale Informationsangebote werden von Patienten und Konsumenten als hilfreich empfunden und auch stark genutzt. So sind das Internet bzw. Suchmaschinen wie Google oder Bing die wichtigsten Gesundheitsratgeber. Noch deutlich kleiner ist das Segment Prävention/Monitoring. Solche Angebote finden sich hauptsächlich im zweiten Gesundheitsmarkt. In Deutschland bestehen aber Möglichkeiten der Abrechnung im ersten Gesundheitsmarkt über Satzungsleistungen, primäre Prävention oder betriebliche Gesundheitsförderung. Lösungen im Bereich Screening/Diagnostik sind in Deutschland momentan gering ausgeprägt. Mittlerweile sind aber erste innovative Lösungen zur KI-basierten Entscheidungsunterstützung für Patienten verfügbar.

Digitale Gesundheitsangebote

Angebotsbereich

Zuordnung

Anzahl

Plattformen

B2B

83

Administrative Systeme

B2B

77

Analytics/Big Daze

B2B

41

Telemedizin

B2B

29

Prozesssysteme für F&G

B2B

10

Therapie(-begleitung)

B2P

42

Krankheitsmanagement

B2P

27

Reha/Pflege

B2P

17

Information

B2P

16

Screening/Diagnostik

B2C

11

Fitness/Lifestyle

B2C

49

Prävention/Monitoring

B2C

21

Information

B2C

16

Drei Themenfelder

Die Implikationen können in drei Themenfelder gegliedert werden: Themen der Steuerungshoheit und organisatorischen Effizienz, des Patientenschutzes, der Versorgungseffizienz sowie der gesundheitspolitischen Bedeutung.

1. Steuerungshoheit

Aufgrund der zahlreichen datenbasierten Verfahren sind im Zuge der Digitalisierung viele Analyse- und Steuerungsmöglichkeiten wie beispielsweise KI-basierte Analyse-Tools, Patienten-Selbstdiagnosen sowie die telemedizinische Versorgung entstanden. Die Zeit für die Einnahme einer aktiveren Steuerungsrolle durch die gesetzlichen Krankenkassen und ihre Verbände sowie den GKV-Spitzenverband drängt, weil sowohl etablierte Player als auch Start-ups derzeit versuchen, diese Rolle zu besetzen. Attraktive Analyse- und Steuerungsmöglichkeiten mit potenziell positiven Effekten auf Versorgungsqualität und Leistungsausgaben können entstehen und die Versichertenzufriedenheit mit den gesetzlichen Krankenkassen, ihren Verbänden sowie dem GKV-Spitzenverband erhöhen. Um die Potenziale der Analyse- und Steuerungselemente zu heben, ist insbesondere die effektive Nutzung von Gesundheitsdaten essenziell. Für eine Nutzung ebensolcher Funktionen sind große Datenmengen besonders wichtig, da Analytics-Angebote verstärkt KI-unterstützt sind, somit durch große Datenmengen eine höhere Aussagequalität erlangen und bessere Ergebnisse liefern können. Daher ist der Nutzenzuwachs von Steuerungs- und Analysemöglichkeiten mit steigender Datenmenge überproportional. Die GKV in ihrer Gesamtheit ist aufgrund ihrer hohen Versichertenzahl besonders gut aufgestellt, potenziell eine kritische Masse an Daten und Nutzern aufzubauen.

2. Patientenschutz 

Digitale Angebote zielen im Gegensatz zu traditionellen Methoden klar auf eine direkte Nutzung durch Konsumenten und Patienten ab. Sie sind zudem verstärkt in globalen App-Stores verfügbar, was eine Kontrolle zur Sicherstellung des Patientenschutzes deutlich erschwert. Die Unsicherheit unter Patienten hinsichtlich der Qualität dieser digitalen Angebote nimmt daher zu. Neben der im zweiten Gesundheitsmarkt schwierigen Sicherstellung von Qualität kann außerdem die Versorgungseffizienz beeinträchtigt werden. Gesunde wie kranke Konsumenten erlangen verstärkt Zugriff auf Gesundheitsinformationen, um unabhängig und eigenständig bei Entscheidungsfindungen wie beispielsweise Therapiemöglichkeiten partizipieren zu können. Diese informierte und aktive Rolle des Patienten wird sowohl durch den Gesetzgeber, beispielsweise durch das „Gesetz zur Stärkung der Patientenrechte“, als auch durch die Angebotsseite, beispielsweise mittels digitaler Endgeräte und Apps, unterstützt.

Der derzeitige Mangel an vertrauenswürdigen Gesundheits-Informationsquellen bietet für alle relevanten Institutionen der GKV Chancen, vor allem die Reichweite und ihren Einfluss zu erhöhen und einen Beitrag zur Entwicklung der Medien- und Digitalkompetenz zu leisten. Ungesteuert führen digitale Angebote potenziell zu einer Mengenausweitung von GKV-finanzierten Leistungen. Die Herausforderung für neue Anbieter liegt vor allem darin, dass die derzeitigen Vorgehensweisen zur Bewertung sowohl der Wirksamkeit als auch des Nutzens etwaige Besonderheiten von digitalen Innovationen noch nicht berücksichtigen können. Denn ursprünglich waren sie primär für Arzneimittel und Medizinprodukte entwickelt worden. Hier führt eine starre Bewertungssystematik gegebenenfalls dazu, dass potenziell nutzenträchtige Angebote die Patienten nicht erreichen.

Eine Zusammenarbeit mit Ärzten oder Krankenkassen kann für Studios extrem spannend seini viewfinder / Shutterstock.com
Eine Zusammenarbeit mit Ärzten oder Krankenkassen kann für Studios extrem spannend sein

3. Gesundheitspolitik

Die Zielbild-Debatte der Digitalisierung im Gesundheitswesen wird in Deutschland derzeit von vielen unterschiedlichen Akteuren geführt und ist dementsprechend zersplittert. Die Position der Krankenkassen und ihrer Verbände ist in diesem Zusammenhang zum Teil unklar, diese Akteure sollten künftig eine besser aufeinander abgestimmte und aktivere Rolle bei der Gestaltung des Gesundheitswesens durch digitale Anwendungen einnehmen. Da bisher nur wenige Lösungen im ersten Gesundheitsmarkt zur Verfügung stehen, ist zunehmend unklar, inwiefern digitale Lösungen auch Bestandteil der Zielbilder der gesetzlichen Krankenkassen und ihrer Verbände sowie des GKV-Spitzenverbands sind und vor allem wie konkrete Schritte zu einer besseren Integration in die Versorgung aussehen. Ohne eine weiter vorangetriebene Positionierung in der Digitalisierungsdebatte drohen ein Einflussverlust der relevanten Akteure der GKV sowie ein allmählicher Bedeutungsverlust für das GKV-System beim Thema Digitalisierung.

Telemedizin: greifbar

Telemedizin ist ein Sammelbegriff für verschiedenartige ärztliche Versorgungskonzepte. Sie weisen als Gemeinsamkeit den prinzipiellen Ansatz auf, dass medizinische Leistungen der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung in den Bereichen Diagnostik, Therapie und Rehabilitation sowie bei der ärztlichen Entscheidungsberatung über räumliche Entfernungen oder zeitlichen Versatz hinweg erbracht werden. Hierbei werden Informations- und Kommunikationstechnologien eingesetzt. Das Spektrum dieser modernen Versorgungsformen umfasst mittlerweile nahezu alle medizinischen Fachgebiete.

Fernbehandlungen waren deutschen Ärzten bislang nicht erlaubt, sind aber durch eine Änderung der Berufsordnung der Ärzte im Juni 2018 möglich geworden. Ausschließliche Fernbehandlungen, wie Videosprechstunden, sind nun umsetzbar, wenn dies ärztlich vertretbar ist und die erforderliche ärztliche Sorgfalt gewahrt wird. Fernbehandlungen werden den persönlichen Kontakt zwischen Arzt und Patient nicht ersetzen können, aber sie können ihn gerade in ländlichen Regionen und bei Fachärztemangel ergänzen.

Besonders in der aktuellen Krise durch COVID-19 könnten Angebote der Telemedizin weitreichend genutzt werden. Insbesondere in Deutschland fällt nun auf, dass man großen Nachholbedarf in der Digitalisierung des Gesundheitswesens hat.

Quellen

  1. Deloitte. Digitalisierung des Gesundheitsmarktes: su.rpv.media/r6; Zugriff am 22.07.2020
  2. Deloitte. Der digitale Patient: Global Health Care Consumer Survey 2019: su.rpv.media/r7; Zugriff am 22.07.2020
  3. Bundesgesundheitsministerium. E-Health – Digitalisierung im Gesundheitswesen: su.rpv.media/r8; Zugriff 22.07.2020
  4. Elmer A, Huss N. 2017. Minister of Health – open this Gate! Für ein deutsches eHealth-Gesetz 2.0. Berlin, HIMSS Europe GmbH
  5. Biesdorf S, Deetjen U, Möller M, 2016. Eine Vision für ein digitales Gesundheitssystem in Deutschland: su.rpv.media/1qt; Zugriff am 22.09.2020
  6. Elmer, 2017. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Jahrgang 17, Heft 3, S. 23-30
  7. Bundesgesundheitsministerium. Gesundheitswirtschaft im Überblick: su.rpv.media/ra; Zugriff 22.07.2020
  8. Bundesärztekammer. Telemedizin: su.rpv.media/rb; Zugriff am 22.07.2020