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Management · shape UP Business 1/2021

Gesunde Konkurrenz

Konkurrenzdenken muss noch lange nicht negativ sein, denn es lässt sich vielfältig aus der direkten Konkurrenz mit anderen profitieren. Das Prinzip nennt sich Coopetition und schafft neue Chancen für den eigenen Erfolg als Sportler oder Unternehmer.

Elisa Dambeck

„Wissen und Erfahrungen sind wertvoller, wenn wir sie teilen.“ Dieses Zitat von Wladimir Klitschko bringt seine Philosophie als ehemaliger Profiboxer und erfolgreicher Unternehmer auf den Punkt. Er hat nicht nur ein eigenes Buch auf den Markt gebracht, sondern auch einen Studiengang an der Schweizer Universität St. Gallen ins Leben gerufen, in dem er die Grundlagen des Selbst- und Challenge-Managements vermittelt. Klitschko sagt, dass Spitzensportler die Gabe hätten, Probleme als Herausforderung, also als Challenge, zu begreifen und sie entsprechend anzugehen. Darauf aufbauend sind die Eckpfeiler seines Managementkonzepts das Nutzbarmachen eigener Erfolge für Andere, das Lernen aus Niederlagen sowie langfristige Planung (1). Konkurrenz ist also ein wesentlicher Teil seines Erfolgsrezepts: Man muss nur wissen, wie man von seinen Mitstreitern profitieren kann und gemeinsam stärker wird.

Coopetition: Das steckt dahinter

Die Wortschöpfung „Coopetition“ setzt sich aus den einzelnen Wörtern Competition (Wettbewerb) und Cooperation (Zusammenarbeit) zusammen und wurde von den Ökonomen Barry Nalebuff und Adam Brandenburger etabliert (3). Demzufolge wachsen und gedeihen Konzerne in unserer globalisierten und digitalen Welt eher, wenn sie mit anderen Konkurrenten als strategische Allianzen in gewissen Bereichen zusammenarbeiten. So können zum Beispiel gemeinsame Projekte realisiert werden, Forschung kann vorangebracht, Expertenwissen ausgetauscht und allgemeine Bedingungen verbessert werden. Das hilft, einen ruinösen Preiswettbewerb zu verhindern und schafft eine Win-Win-Situation (1). Es geht also bildlich gesprochen darum, Wege zur Vergrößerung des Kuchens zu finden statt nur mit Konkurrenten um einen Kuchen bestimmter Größe zu streiten (3). Frank Dopheide, Gründer der Purpose Agentur „human unlimited“(1) sagt dazu: „Coopetition ist zum Überlebensprinzip geworden. Es gilt nicht mehr, dass der Stärkste allein am stärksten ist.“ Die Welt ist zu komplex geworden, um alle Herausforderungen alleine bestehen zu können.

Vertrauen und Respekt

Die entscheidenden Voraussetzungen sind Vertrauen und Respekt den Anderen gegenüber. Es gilt, sich vom bloßen und teilweise krankhaften Konkurrenzdenken zu distanzieren und die Perspektive einzunehmen: Was kann ich vom Anderen lernen? Welche Erkenntnisse gewinne ich aus einer Niederlage? Und was kann ich leisten, um den Anderen zum Erfolg zu verhelfen?

Bei genauerer Betrachtung ist Coopetition schon lange eine etablierte Methode im Sport. So braucht der Boxer einen Sparring-Partner zum Trainieren. Klitschko sagt in einem Interview (2): „Die Vorstellung, mit einem Konkurrenten zu kooperieren, etwas Größeres aufzubauen, ist wichtig. Anthony Joshua war mein Sparring-Partner. Er hat mich vorbereitet auf einen Kampf gegen Kubrat Pulev. Das heißt: Mein damals zukünftiger Gegner hat mich für einen anderen Kampf fit gemacht. Man kann als Konkurrenten Synergien finden, auch wenn man sich später wieder trennt.“ Auch im Trainingslager trainieren Konkurrenten wie Triathleten, Schwimmern oder Leichtathleten miteinander, unterstützen sich, lernen von den Stärken der Anderen und arbeiten gezielt an eigenen Schwächen.

Gamechanger Coopetition

Gerade für Hobby-/Breitensportler und Unternehmen kann Coopetition ein echter Gamechanger sein.

Sebastian Gotzler hat sich in seiner Bachelorarbeit mit Challenge Management und Coopetition beschäftigt und gibt wertvolle Tipps, wie Konkurrenz die eigene Leistung beflügeln kann, statt für Stress und Frustration zu sorgen. Coopetition hat demnach viel mit der eigenen Einstellung zu tun. Begegne man der Konkurrenz mit Neid und Missgunst, werde daraus schnell ein anstrengender Machtkampf. Fokussiert man sich nur auf die sportliche Leistung des Konkurrenten im Vergleich zur eigenen, kann dies zu Frustration führen. Wer dagegen hinterfragt, was der Mitstreiter besser macht, um zu den gewünschten Ergebnissen zu gelangen, profitiert von den Erfahrungen und der Strategie des anderen.

Gotzler weiß, dass der richtige Umgang mit Konkurrenz zwar nicht immer leicht, aber trotzdem zu erlernen ist. Selbstreflexion gilt als Grundvoraussetzung, denn um die Unterschiede zwischen sich selbst und dem Mitstreiter zu erkennen, sei ein ehrliches und vollständiges Bild über die eigene Person unabdingbar. Auch Ehrlichkeit zahle sich aus, um sich selbst gegenüber Fehler einzugestehen und um offen mit dem (besseren) Konkurrenten in den Austausch zu treten. Kritikfähigkeit ist ebenfalls wichtig: Wer seine Leistung steigern will, muss sich von anderen auch helfen und manchmal eben auch kritisieren lassen können.

Aspekte gesunder Konkurrenz

Sebastian Gotzler fasst die Vorteile gesunder Konkurrenz in fünf Aspekten zusammen. Zunächst hilft Konkurrenz, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. 2020 hat es vielen Hobbysportlern und Athleten nicht leicht gemacht, konsequent am Ball zu bleiben. Europas größte Fitnessmesse, die FIBO, ist ausgefallen, den Läufern und Triathleten fehlen die Wettkämpfe und auch Mannschaftssportler warten vergeblich auf ihre Gegner. Ohne die Konkurrenz im Wettkampf und die Möglichkeit, sich über die Entwicklungen in der eigenen Branche auf der Leitmesse zu informieren, fehlt es vielen Menschen an Zukunftsvertrauen und Motivation für Neues.

Zweitens kann Konkurrenz dabei helfen, eigene Schwachstellen aufzudecken. Der Vergleich mit seinen Mitstreitern immer auch ein guter Maßstab für die eigene Performance und ermöglicht so persönliche Weiterentwicklung. Dies gelingt allerdings nur, wenn der Erfolg anderer akzeptiert wird und die Bereitschaft besteht, von Mitstreitern zu lernen. Unternehmen nutzen dafür das sogenannte Benchmarking: Hierbei werden eigenen Produkte, Prozesse, Aktivitäten oder Verhaltensweisen mit den besten Unternehmen verglichen, um von diesen zu lernen.

Konkurrenz kann auch dazu beitragen, das eigene Selbstwertgefühl zu steigern. Gelingt es, sich im Sport oder auch beruflich gegen einen Mitbewerber durchzusetzen, wird das Ego gepusht. Natürlich trainiert man immer auch für die eigene Gesundheit, aber das Gefühl, den dritten Platz bei einem Volkslauf über zehn Kilometer zu belegen und einen Pokal in der Hand zu halten, ist einfach unschlagbar.

Der vierte Aspekt ist das Offenbaren von Alleinstellungsmerkmalen, die bei einem Unternehmen als „Unique Selling Points“ (USPs) wichtige Verkaufsargumente im Marketing darstellen. Wir wollen nicht in der grauen Masse untergehen und suchen nach etwas, was uns von anderen abhebt. Daher ist es ratsam, sich die Konkurrenz genau anzusehen und basierend auf dieser Analyse eine eigene Erfolgsstrategie zu entwickeln. Was kann ich, was kein anderer macht? Welche Kompetenz unterscheidet mich von meinen Mitbewerbern? Was passiert, wenn ich gegen den Strom schwimme?

Konkurrenz schafft die Möglichkeit, zu glänzen. Ohne sie gäbe es keine Chance auf Anerkennung oder das Gefühl des Stolzes über die eigene Leistung. Ansporn und Motivation würden langfristig verlorengehen. Erst die Konkurrenz treibt zu Höchstleistungen an und beflügelt dazu, die eigene Komfortzone zu verlassen. Das beste Mittel dafür ist, sich an die Fersen eines starken Konkurrenten zu hängen, um selbst bestmögliche Ergebnisse zu erzielen.

Quellen

  1. Klitschko W. & Bilen. Challenge Management. 2017: Was Sie als Manager vom Spitzensportler lernen können.
  2. Klitschko als Karrierecoach: su.rpv.media/2gh; Zugriff am: 16.01.2021
  3. Lieber gemeinsam statt einsam: su.rpv.media/2gi; Zugriff am 16.01.2021