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Beratung & Betreuung · shape UP Business 4/2019

Gesundheit im Betrieb

Die Wissenschaft sollte Theorie und Praxis verbinden. Wissenschaftlich sind schon einige Maßnahmen zur Mitarbeitergesundheit untersucht. In diesem Beitrag erfahren Sie, welche Bewegungsförderungen sich in der Praxis als effektiv erweisen.

Worum gehts?

In Fitnessstudios findet immer häufiger eine betriebliche Gesundheitsförderung statt, insbesondere im Sinne einer Bewegungsförderung (1). Entweder kann hier direkt mit Unternehmen kooperiert werden, oder man wird Teil regionaler oder überregionaler Netzwerke. Neben Angeboten direkt im Studio können Trainerinnen und Trainer auch in das jeweilige Unternehmen entsendet werden, bspw. um eine bewegte Pause arbeitsplatznah durchzuführen. Unternehmen professionalisieren sich zunehmend im Bereich der Betrieblichen Gesundheitsförderung und legen hier immer öfter wissenschaftliche Kriterien an, die sie auch von externen Anbietern einfordern. Es stellt sich jedoch die Frage, welche bewegungsfördernden Maßnahmen tatsächlich effektiv und sicher in der Anwendung im Bereich der Betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) sind.

Die Wissenschaft sollte den Ton angeben

Bewegungsförderung ist generell branchenübergreifend und – unabhängig von sämtlichen Rahmenbedingungen – ein zentraler Bestandteil der BGF. Neben der Förderung einer gesunden Ernährung und dem Stressmanagement stellt diese eine der drei zentralen Säulen zur Förderung der Gesundheit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dar. Bewegungsfördernde Maßnahmen gehören daher zu den am häufigsten in Unternehmen vorgehaltenen Maßnahmen (1). Hier reicht das Spektrum aktuell von klassischen Angeboten, wie der bereits genannten „bewegten Pause“ oder Lauf- und Walkingangeboten, bis zu innovativen, beziehungsweise außergewöhnlichen Methoden, wie beispielsweise dem Vibrationstraining.

BGF in Unternehmen professionalisiert zunehmend, wobei auch richtigerweise wissenschaftliche Kriterien angelegt werden. Jedoch stellt sich hier die Frage, welche Methoden wirklich sicher und (kosten-)effektiv in der Anwendung sind und ob es branchenspezifische Besonderheiten und Lösungen gibt, die bereits wissenschaftlich belegt sind.

Bis vor Kurzem gab es keine zusammenfassende Informationsquelle zum Thema BGF. Auf Basis einer systematischen Analyse nach wissenschaftlichen Standards der zu diesem Thema verfügbaren Literatur, erarbeiteten die Autoren eine Übersicht über den aktuellen Stand der Forschung zur betrieblichen Bewegungsförderung. Insgesamt wurden dabei 16.269 Studien betrachtet. Im Folgenden werden die für den Bereich „Fitnessstudio“ relevanten Ergebnisse dargestellt.

Was sagt uns die Wissenschaft?

Auffallend ist, dass für einige häufig in der Praxis zur Anwendung kommenden Methoden/Interventionen keine oder zumindest eine nur eingeschränkte wissenschaftliche Evidenz vorliegt. Folglich sind die betreffenden Methoden/Interventionen entweder noch nicht hinreichend untersucht worden, oder diese können faktisch nicht als effektiv eingestuft werden.

Kraft- und Ausdauertraining

Generell können sowohl krafttrainings- und ausdauerbasierte Interventionen als effektiv eingestuft werden. Auch eine Kombination aus beidem ist den Erkenntnisse nach effektiv und sicher in der Anwendung im Hinblick auf die Gesundheitsförderung. Bereits mit einem geringen Zeitaufwand von weniger als einer Stunde pro Woche können signifikante gesundheitswirksame Effekte auf verschiedenen Ebenen erzielt werden. Daher kann generell empfohlen werden, entsprechende Interventionen zumindest teilweise während der Arbeitszeit zuzulassen. Die Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wird dadurch gesteigert. Zudem werden vermehrt diejenigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erreicht, die keine ausgeprägte Affinität zu Bewegung und Sport haben.

Auch wenn hier aktuell nur eine eingeschränkte wissenschaftliche Evidenz vorliegt, sind zudem Programme zur Förderung der Beweglichkeit als ein Baustein einer multimodalen Maßnahme (welche beispielsweise aus der Kombination von Bewegung, gesunder Ernährung und Stressmanagement bestehen kann) durchaus empfehlenswert. Sie adressieren zumeist alle Aspekte der klassischen Gesundheitsförderung, sind in diesem Rahmen motivierend und interaktiv in eine Modifikation des Gesundheitsverhaltens eingebettet und relativ kostengünstig durchzuführen.

Maßnahmen, die die körperliche Aktivität in der Freizeit der Beschäftigten fördern , sind enorm vielfältig und durch eine große Heterogenität hinsichtlich ihrer Methoden sowie deren konkreter Umsetzung geprägt. Eine größere Flexibilität geht mit erweiterten Rahmenbedingungen einher. Zum Beispiel mit Interventionen in der Freizeit. Forschungsergebnisse zeigen, dass Interventionen in der Freizeit von Beschäftigten effektiv bezüglich verschiedener gesundheitsrelevanter Variablen einsetzbar sind. Vor allem aufgrund der enormen Uneinheitlichkeit der Tätigkeiten ist eine pauschale Empfehlung zu konkreten Interventionen nicht möglich.

Insgesamt kann festgehalten werden, dass Fitness- und Bewegungsprogramme generell einen positiven Einfluss auf den Gesundheitszustand von Mitarbeitern haben. Bewegungsprogramme, die am Arbeitsplatz und während der Arbeitszeit angeboten werden, stellen dabei eine gute Möglichkeit zur Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dar, auch tatsächlich mehr Bewegung in ihren (beruflichen) Alltag zu integrieren.

Vermutlich ist eine Intervention mit einem Zumba-Gruppentraining ebenso wie eine Fußballintervention prinzipiell dazu geeignet, nachhaltig gesundheitswirksame, positive Effekte bei Mitarbeitern zu erzielen. Die Frage nach dem je Intervention vorhandenen Verletzungsrisiko wurde nicht näher ausgewertet.

Sinnvolle Kombination

Insgesamt wird die Effektivität von Interventionen –insbesondere von ernährungs- und bewegungsbezogenen Komponenten – beeinflusst. Es kann davon ausgegangen werden, dass solche Kombinationen effektiv und sicher in der Anwendung in unterschiedlichen Branchen und Tätigkeitsbereichen sind.

Vibrationstraining

Vibrationstraining hat eine für die Praxis relevante Effektivität. Insbesondere bei Beschäftigten mit einer bereits eingeschränkten Leistungsfähigkeit sowie solchen mit bestehenden (chronischen) Rückenbeschwerden bei vorwiegend sitzenden Tätigkeiten. Aufgrund spezifischer Faktoren scheint das Vibrationstraining ebenfalls besonders dazu geeignet, bisher körperlich inaktive Menschen leichter an eine dauerhafte und regelmäßige Teilnahme einer bewegungsbezogenen Intervention heranzuführen. Vibrationstraining bietet sich als alleinstehende minimalpräventive Maßnahme an, könnte allerdings auch eine erfolgreiche Komponente multimodaler Programme sein.

Stressreduktion

Interventionen, die Maßnahmen zur betrieblichen Bewegungs- und Stressreduktion umfassen, lassen auf eine potentiell effektive Reduktion von Kopf, Schulter- und Nackenschmerzen schließen. Zusätzlich scheinen Gruppenkurse,wie etwa Yoga und Tanzprogramme, einen positiven Effekt zu haben. Ebenfalls haben sich neben durchgeführten Stressmanagement-, Ernährungs- und Bewegungsmaßnahmen sowie Outdooraktivitäten (z. B. Laufgruppen und Atemübungen) bewährt. Alle Maßnahmen trugen zur Steigerung der Belastbarkeit am Arbeitsplatz bei. Zudem reduzierten sich muskuläre Schmerzen und Stress.

Yoga und Co.

Bezüglich eines Einsatzes von Yoga und/oder eines Achtsamkeitstrainings wurde ein sehr heterogenes Bild identifiziert. Aktuell lassen sich deshalb keine konkreten Handlungsempfehlungen für die Praxis ableiten. Gleiches gilt für die Anwendung von Pilates sowie von Tai Chi und Qigong. Ebenso wenig kann aktuell eine konkrete Einschätzung deren genereller Eignung beurteilt werden, da kaum relevante und qualitativ hochwertige Studien vorliegen. Betrachtet man jedoch die allgemeine Datenlage zur Untersuchung von Tai-Chi und seinen potentiell positiven Effekten außerhalb des betrieblichen Kontexts, erscheint ein effektiver und erfolgreicher Einsatz solcher Methoden/Interventionen, insbesondere als Bestandteil multimodaler Programme, durchaus denkbar.

Und was bedeutet das nun?

Als Studioleiter beziehungsweise Studiobetreiber kann es durchaus lukrativ sein, Angebote im Bereich der BGF zu machen. Dies kann direkt im Studio mit den bereits vorhandenen Ressourcen, oder durch arbeitsplatznahe Angebote direkt in Unternehmen umgesetzt werden. Dieser Bereich wird sich auch künftig einer soliden Nachfrage erfreuen. In diesem Fall könnte das Trainerpersonal auch außerhalb des Studios effektiv eingesetzt werden.

Die wissenschaftliche Belegbarkeit von BGF wird künftig vermehrt von Kunden nachgefragt werden. Aus unserer Sicht ist es ein Zeichen für professionelles Arbeiten, wenn sich der Anbieter der jeweils aktuellen Evidenz bewusst sind. Diese Erkenntnisse können im Marketing offensiv genutzt werden. Nur so kann man sich als Anbieter heute noch im bereits undurchsichtigen Anbieterdschungel hervorheben.

Die zuvor beschriebenen Ergebnisse unserer Recherche geben einen ersten Überblick darüber, welche Interventionen/Maßnahmen man als Studioleiter beziehungsweise Studiobetreiber gut vermarktbar in das Portfolio aufnehmen könnte.

Autoren: Maria Walden, Sintje Mayländer, Dr. Tobias Stephan Kaeding

Literatur

  1. Kaeding, T. S., Simon, W. (2018). Betriebliche Gesundheitsförderung: ein potentielles Betätigungsfeld für Trainer? Leistungslust 3(2): 41-43.
  2. Mayländer, S., Walden, M., Kaeding, T. S. (2019). Die vitale Firma: So bringen Sie Ihre Mitarbeiter in Bewegung. München: Richard Pflaum Verlag GmbH & Co. KG.