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Beratung & Betreuung · shape UP Business 3/2019

Katze, Kuh und Co.

Yoga für Kinder kommt in Mode. Was im ersten Moment für manchen absurd klingen mag, kann sich zum neuen Trend für Studios entwickeln. Warum es sich lohnt, zumindest mal darüber nachzudenken, lesen Sie hier.

Tine Bielecki

Stress schon im Kindesalter?

Es ist noch nicht so lange her, da hielt selbst ich, Yogalehrerin und Sportwissenschaftlerin, Yoga für Kinder als übertrieben. Seit ich selbst Mama bin und die Kinder der Eltern in meinem Freundeskreis älter werden, halte ich es hingegen für ziemlich wichtig.

Es klingt zunächst absurd, ausgerechnet mit Kindern, die sich schließlich wie kein anderer im „Hier und Jetzt“ befinden, Yoga zu üben. Kinder sind Meister darin; beispiellos machen meine Töchter mir täglich vor, wie Achtsamkeit funktioniert. Ihnen fallen Dinge auf, die ich längst nicht mehr wahrnehme. Sie lassen ihre Wut laut raus und genießen das Leben auf wunderbare Art und Weise. Warum also sollten ausgerechnet Kinder jetzt Yoga nötig haben? Wenn man allerdings mehr und mehr in die Welt von Kindern eintaucht, mit Eltern spricht, übers Elternsein liest und die gesellschaftlichen Gepflogenheiten miterlebt, versteht man es besser. Die Einschulung ist beispielsweise inzwischen ein richtiges Event geworden, das mit Stress, Hektik und Druck verbunden ist. Dabei ist ein Kind bei der Einschulung erst sieben Jahre alt.

„Gut genug?“

Schon im Babyalter vergleichen Eltern ihre Kinder mit anderen. Das Kind ist kaum geboren, fragen die anderen schon: „Schläft es durch?“ Krabbelt das Kind früh genug? Lernt es schnell genug laufen, essen, sprechen? Ist es früh genug windelfrei? Laut einer Statista-Umfrage begrüßen knapp 60 Prozent der befragten Eltern das Erlernen einer Fremdsprache im Kindergarten. Nur etwa ein Drittel spricht sich dagegen aus (1).

In der Kitagruppe meiner Tochter ist eine Art Freizeitstress gut zu beobachten: Viele Kinder sind fünf Tage in der Woche auch nach der Kitaschließzeit verplant. Gemeinsames Spielen, Turnen, Tanz, Musikunterricht und weitere Aktivitäten – Langeweile kommt dabei sicherlich nicht auf. Spätestens mit Beginn der Schule, also mit etwa sieben Jahren, werden Kinder in Deutschland Teil der Leistungsgesellschaft. „Inwieweit ist Freizeit wichtig im Verhältnis zu Arbeit und Geld“– diese Frage wurde 10 025 Kindern im Alter von 9 bis 14 Jahren gestellt. 33 Prozent gaben an, dass Freizeit wichtig bis sehr wichtig ist. 38 Prozent waren sich nicht sicher und ganze 29 Prozent stimmten der Aussage „Freizeit ist wichtiger als Arbeit und Geld“, wenig bis gar nicht zu (2). Das macht deutlich: Yoga ist für Kinder nicht absurd – sondern eher dringend notwendig.

Kinder mit Terminkalender

Der Alltag der meisten Kinder ist schon so vollgestopft, dass sie überhaupt nicht mehr wissen, wie sie mit Emotionen umgehen sollen oder wie sie sich eine Ruhepause schaffen können. Die Aufmerksamkeit wieder nach innen zu lenken, die Emotionen frei zu lassen, sich zurückziehen aber auch Mut zu trainieren – all das ist Yoga. Dass Kinderyoga mittlerweile auch angepriesen wird, weil es bei Konzentrationsschwäche hilft, ausgeglichener und aufmerksamer macht, ist fast schon tragisch, aber wahr. Erste Untersuchungen beschäftigen sich mit der Auswirkung von Kinderyoga bei ADHS, Hyperaktivität oder Konzentrationsschwäche (3-5). Kinderyoga ist zwar kein Wundermittel aber ein Konzept, das weiterhelfen kann.

Selbe Wirkung, andere Vermittlung

Die Wirkung von Yoga auf Kinder ist wissenschaftlich belegt. Die Art und Weise der Vermittlung ist beim Yoga für Kinder allerdings anders als bei den Erwachsenen.

Es geht beim Yoga für Kinder nicht um die korrekte Ausrichtung bei einer Übung, sondern mehr um die eigene Erfahrung. Für Kinder ist es fast logisch, wie ein „Hund“ auszusehen hat. Dass die Asanas fast immer einen Namen aus der Natur erhalten, meistens sogar einenTiernamen, macht es für Kinder besonders spannend und einfach. Die einzelnen Asanas werden im Kinderyoga meist zu einer Geschichte verbunden, die Kinder dürfen mitgestalten. Die Bewegung tut ihnen genauso gut wie das Nichtstun. An- und Entspannung lernen Kinder hier auch. Körperspannung wird ebenso geübt, sowie mal richtig alles loslassen zu können. Kinder üben die Asanas jedoch wesentlich kürzer als Erwachsene. Auch das zur-Ruhe-Kommen, das meditative Atmen, dauert bei Kindern nur wenige Minuten. Während Kinder eben tatsächlich noch im Hier und Jetzt wahrnehmen, denken und handeln, brauchen Erwachsene länger, um sich auf sich selbst zu konzentrieren.

Kinder lernen beim Yoga, ihren Körper wieder wahrzunehmen, was ihnen unter Umständen früh beibringen könnte, wie gut ihnen auch andere Bewegungsformen tun können.

Neue Chancen

Es gibt viele Studios, die gerade nachmittags viel freien ungenutzten Raum haben. Vielleicht bietet sich hier das Kinderyoga an. Hierfür benötigt man keine großen Räume und Kinder brauchen für Yoga lange nicht so viel Platz wie Erwachsene. Kinderyogakurse anzubieten ist bei der heutigen Masse an Yogalehrern nicht mehr schwer. Immer mehr Lehrer entscheiden sich dazu (spätestens, wenn sie selbst Kinder haben), auch eine Ausbildung als Yogalehrer für Kinder zu machen.

Studios profitieren, da sie mit Yoga im Angebot die ganze Familie zum Kunden machen. Zudem erschließen sie sich eine neue Zielgruppe, die sie unter Umständen extrem lange an sich binden können.

Mütter oder Väter schätzen die sinnvolle Betreuung des Nachwuchses und nutzen die Zeit, um selbst im Studio zu trainieren.

Yoga für Kinder im Fitnessstudio macht am meisten Sinn, wenn es ab etwa sechs Jahren angeboten wird. Denn dann schaffen es die Kinder schon, sich für 45-60 Minuten auf eine Einheit einzulassen. Mit jüngeren Kindern müsste entsprechend kürzer geübt werden, da ihre Konzentrationsfähigkeit schnell nachlässt. Ab der Pubertät können Kurse schon fast genau wie das Erwachsenenyoga durchgeführt werden.

Dem digitalen Trend folgen

Fitness-Apps und Fitness-Programme im Internet werden zu harter Konkurrenz und wollen den Studios die Kunden abwerben. Wenn Studios selbst dem digitalen Trend folgen, beispielsweise mit einer eigenen App, und dann auch noch mit einer, die den Kunden von morgen anspricht, schlagen sie die digitale Konkurrenz mit den eigenen Waffen. Eine zum Fitnessstudio ergänzende App macht für die Kunden Sinn.

Ergänzendes Tool

Gibt es dann auch noch eine Studio-App, die Kinderyoga beinhaltet, wird es richtig spannend: Denn bislang gibt es hier auf dem Markt tatsächlich wenig. Das hat natürlich auch einen Grund: Man setzt die Kinder schließlich nicht gerne vor das Smartphone, wenn sie runterkommen sollen. Als ergänzendes Angebot könnte Kinderyoga auf der App allerdings gut funktionieren. Vor allem, weil Kinderyoga längst nicht so wie das Yoga für Erwachsene auf starke Ausrichtung und Korrektur Wert legen muss. Es gibt unzählige Fitness-Apps und Online-Kurse, allerdings wenige Angebote, die mit der digitalen Welt noch viel vertrauter umgehen, als wir das jetzt tun.

Kinderyoga ist ein wachsender Trend. Daher wird es auch für Fitness-Apps spannender. Fitness-Apps müssen Studios aber nicht den Rang ablaufen. Denn Studios können durch eigene digitale Angebote Kunden binden, neue Zielgruppen erschließen und – wenn sie besondere Angebote liefern – als großes Alleinstellungsmerkmal im Studio-Dschungel glänzen.

Quellen

  1. Statista. 2008. Sollten Kinder schon im Kindergarten eine Sprache erlernen können? Zugriff am 14.8.2019: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1167/umfrage/erlernen-einer-fremdsprache-schon-im-kindergarten/
  2. Statista. 2017. Kinder in Deutschland zur Wichtigkeit von Freizeit im Gegensatz zu Arbeit & Geld 2017. Zugriff am 14.08.2019: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/589777/umfrage/wichtigkeit-von-freizeit-im-gegensatz-zu-arbeit-und-geld-bei-kindern-in-deutschland/
  3. Brink S. New Study Shows Yoga Has Healing Powers. National Geographic. Zugriff am 14.08.2019: https://www.nationalgeographic.com/news/2014/2/140207-yoga-cancer-inflammation-stress/
  4. Balasubramanim M. et al. 2012. Yoga on Our Minds: A Systematic Review of Yoga for Neuropsychiatric Disorders. Zugriff am 14.08.2019: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3555015/
  5. Zylowska L. 2007. Mindfulness Meditation Training in Adults and Adolescents With ADHD: A Feasibility Study. Zugriff am 14.08.2019: https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/1087054707308502?ssource=mfr&rss=1