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shape UP Business 3/2019

Eine weiße Wand war gestern

shape UP sprach mit Entrepreneur Markos Aristedes Kern wieso das Konzept Gamification auf den Sportbereich übertragen werden sollte und weshalb ein ganzheitlicher Ansatz wichtig ist.

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funwithballs GmbH

Markos Aristedes Kern ist seit fast zwei Jahrzehnten als Gründer und Creative Director im kreativen Bereich tätig. Er entwickelt interaktive Lösungen für die Sportindustrie. Ein Abenteuer, dass die Zukunft des Sports prägt und zu der Findung von Lösungen für Probleme der Gesellschaft im digitalen Zeitalter beiträgt. Seine erste Innovation in diesem Bereich war die Entwicklung eines interaktiven Squashcourts. Hierbei wird eine digitale, interaktive Projektionsfläche in die Squashwand integriert, mit der die Spieler in verschiedenen Spiel- und Trainingsprogrammen interagieren können.

sUP: Wie sind Sie überhaupt auf die Idee eines interaktiven Squash-Platzes gekommen?

Markos Kern (MK): Ich bin schon immer sehr hyperaktiv gewesen und habe mich für Sport begeistert. Hatte gleichzeitig aber große Probleme dieses Interesse aktiv aufrecht zu erhalten, und es fehlte an der Disziplin dabei zu bleiben. Zudem war ich immer schon selber Tüftler und habe sehr viel Sachen gebaut. Die Idee ist mir gekommen, als ich das erste Mal überhaupt selbst Squash gespielt habe. Da habe ich mich entschieden so etwas zu bauen, quasi als case study. Wir haben dann relativ schnell herausgefunden, dass sehr viele Leute so etwas auch wollen und dann ging es eigentlich schon los.

sUP: Was für verschiedene Spiel- und Trainingsprogramme gibt es?

MK: Wir haben jetzt schon über 25 Spiele beim Squash. In den verschiedensten Bereichen. Also von hartem, sehr fokussierten Training zu sehr spielerischen. Dreijährige können damit spielen, aber auch ein Spitzensportler kann sein tägliches Training optimieren und mehr fokussiert bei der Sache sein. Da ist für jede Anwendung und jedes Alter etwas Passendes dabei.

sUP: Gibt es tatsächlich Leistungs- oder Profisportler, die ihr Angebot in Anspruch nehmen?

MK: Ja, da ist zum Beispiel Simon Rösner, der elffache deutsche Meister im Squash, der auch in der Weltrangliste immer einen Top-Platz belegt. Simon nutzt die Anwendung in seinem Training. Die Nachfrage steigt immer mehr.

sUP: Ist die Resonanz überwiegend positiv oder gibt es da auch kritische Gegenstimmen?

MK: Natürlich gibt es kritische Gegenstimmen. Mittlerweile merken wir, dass genau die Leute, die am Anfang gesagt haben: „Computerspiel, was für ein Scheiß das ist doch kein Squash“ immer mehr zu uns kommen. Die Lernkurve gerade beim Squash ist ein bisschen länger. Das Durchschnittsalter liegt bei 30-40 Jahren. Wie immer bei solchen, sagen wir mal „disruptiven oder Grundlagen verändernden Systemen“, muss es natürlich am Anfang auch Kritiker geben. Das ist wichtig und es dauert natürlich, bis es wirklich alle verstanden haben.

sUP: Warum sollten sich überhaupt aus ihrer Sicht die Ballsportarten neu erfinden?

MK: Weil sie sonst bald nicht mehr da sind. Die Zahl der Fußballclubs und die Teilnehmerzahlen sinken weltweit. Natürlich ist Fußball immer noch eine der medienträchtigsten Sportarten aber zum Beispiel haben sich 2017 in den USA schon 20 Prozent weniger bei Soccerclubs angemeldet als im Jahr zuvor.

sUP: Liegt das Problem auch bei den Sportarten selbst?

MK: Es ist nicht so, dass die Sportarten schlechter geworden sind, aber alles drum herum ist so viel einnehmender und so viel schneller geworden. Das Investment eine Sportart anzufangen, dorthin zu fahren, sich die Sachen zu kaufen, die Disziplin zu haben auch dabei zu bleiben und gut zu werden – das ist nicht mehr selbstverständlich. Die Ballsportarten oder generell Sportarten, müssen glaube ich unglaublich viel tun, um mit neuen Entwicklungen wie E-Sports oder ähnlichem überhaupt mithalten zu können.

sUP: Weil Sie vorhin auch Fußball erwähnt hatten: Ich habe mich ganz ehrlich gefragt, wie man diese interaktive Komponente bei einem Mannschaftssport überhaupt umsetzen kann? Wie muss man sich das vorstellen?

MK: Wir haben schon einige coole Konzepte, die launchen wir jetzt auch alle nacheinander. Beim Fußball ist die Frage: wie weit kann man Fußball dekonstruieren, damit es noch Fußball ist? Natürlich muss es ein Mannschaftssport bleiben und interaktiv werden. Man muss sehr viele Komponenten beachten, aber es entstehen schon Formate, Ideen und Konzepte, die hochspannend sind. Diese können in der Zukunft zur Anwendung kommen. Fußball wird wahrscheinlich nicht mehr nach dem traditionellen Konzept ablaufen, wenn wir irgendwas entwickeln können das weitaus spannender, schneller und interaktiver ist.

sUP: Wie bewerten Sie insgesamt die Zukunft des Hallensports?

MK: Meiner Meinung nach stirbt der Hallensport langsam oder wird weniger. Es gibt dazu die verschiedensten Ansatzpunkte. Natürlich wird Sport immer privater. Die Leute die früher gesagt haben ich gehe jetzt mit meinen Jungs auf den Bolzplatz, die laden sich heute eine Sport-App runter und machen das abends vorm Fernseher. Die Frage ist, was verliert man eigentlich dadurch? Sport ist ja nicht nur physische Aktivität, sondern auch unser soziales Umfeld. Sport ist Disziplin, Sport ist Mannschaftssport, Antizipation, Planung, Skills erlernen, Hand-Augen-Koordination – Sport ist ein ganzer Kosmos. Wenn wir das verlieren, ist es einfach unglaublich traurig. Ich glaube aber, dass eine ziemliche Gegenbewegung kommen wird. Das merken wir ja auch schon.

sUP: Wie merken Sie das?

MK: Die ganzen Verantwortlichen, ob Föderation oder Verbände merken, dass sie sich irgendwie neu erfinden müssen. Sie müssen attraktiv bleiben. Diese neuen Formate, die wir entwickeln sind dafür ein Antrieb. Der Papa, der früher mal Tennis gespielt hat, geht jetzt mit den Kleinen in eine „Tennis-related-Activity“, die supergeil ist. Die auch mit diesem ganzen alten Ethos arbeitet aber eben auf nagelneu.

Schnelligkeit, Hits und Präzision. All das kann beim interaktiven Squash dokumentiert werden. funwithballs GmbH

sUP: Denken Sie, dass Betreiber von Sporthallen oder auch Fitnessstudios bereit für einen Wandel sind?

MK: Langsam – die ersten sind schon bereit. Viele Sporthallenbetreiber haben keinen ökonomisch vernünftigen Ansatz oder kein ökonomisch vernünftiges Verständnis für das was sie wirklich machen. Sie hatten irgendwann mal, weil sie Tennis mochten, die Chance gehabt einen Tennisclub aufzumachen. Inzwischen zahlen sie sich das Gehalt jetzt gerade noch so aus – früher war das leichter. Heutzutage geht es darum wie oft kommen die Leute wieder, wie schnell? Jeder muss sich die Frage stellen: wollen wir das Ding nicht abreißen und einen Parkplatz hin bauen und drei Euro die Stunde verlangen, vielleicht wäre das lohnenswerter?

sUP: Mit was für Investitionskosten muss jemand rechnen, der sich jetzt überlegt, ich möchte das jetzt in meiner Sporthalle oder in meinem Fitnessstudio umsetzen?

MK: Das kommt immer darauf an. Es fängt bei ein paar Tausend Euro an und geht hoch bis zu mehreren zehntausend Euro. Es ist immer davon abhängig, wie komplex es sein soll. Fragestellungen wie: Um welche Sportart geht es, spielt Motion-Tracking eine Rolle, wie groß ist die Projektionsfläche und so weiter, sind relevant.

sUP: Ich habe gelesen, dass sie auch Sportvereine und -verbände beraten. Welche sind das aktuell?

MK: Am Anfang haben wir uns gedacht wir müssen mit den Verbänden zusammenarbeiten. Irgendwann zweifelten wir ob die das überhaupt wollen, weil wir meist keine Antwort erhielten. Manche waren auch noch gar nicht bereit dazu. Die Zukunft ist ja auch manchmal ein bisschen beängstigend. Mittlerweile kommen Leute aktiv auf uns zu und fragen nach Unterstützung. Ich hatte schon Termine mit dem DFB: Der findet das zum Beispiel super spannend. Die wollen das und haben kapiert, dass das wichtig ist, aber es dauert einfach erst mal ewig, bis da überhaupt irgendetwas passiert. Das ist die Kehrseite der Medaille. Ich war auch im Juli in Australien auf der National Sports Convention und stand vor 1600 Delegierten, alle 60 plus, die ihr Land aktiver machen wollen. Auf einmal hören sie einem zu und wollen von uns wissen, wie sie das gestalten können.

sUP: An was für einem aktuellen Projekt arbeiten Sie gerade und ist schon etwas Neues in Planung?

MK: Ja natürlich. Wir werden demnächst drei weitere Sportarten launchen. Gerade erst haben wir ein Eventsystem auf dem Markt gebracht. Außerdem haben wir eine Event-Agentur gegründet, weil wir gemerkt haben, dass viele große Marken es spannend finden sich so zu positionieren. Wir haben mit Rafael Nadal gearbeitet, für Movie Star oder auch mit Audi kooperiert. Wir arbeiten zusammen mit Schulen und Universitäten. Zudem expandieren wir gerade relativ stark in die USA und sind sehr stark am Wachsen. 24 Leute sind wir jetzt, im Januar waren wir noch neun. Das geht recht fix und wir bauen uns jetzt so langsam unser kleines Imperium auf.

sUP: Klingt auf jeden Fall superspannend. Viel Erfolg weiterhin. Ich bedanke mich für das nette Gespräch.

Das Gespräch führte Dr. Julia Röder

Gesprächspartner

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Markos Aristedes Kern ist der ehemalige Gründer und Creative Director von Visual Drugstore und gründete sein jüngstes Unternehmen, die „Fun With Balls GmbH“ im Jahr 2016 in München. Er erhielt im Laufe seiner Karriere zahlreiche Auszeichnungen im Bereich Technologie und Innovation: den „Best Sports Tech Startup Europe 2017″, den ISPO Brandnew Award 2017 und den ISPO Award 2018, jeweils für InteractiveSQUASH, das Pilotprojekt seiner „Fun with Balls GmbH“, den „Global Innovation in Tennis Award“ im Jahr 2018, sowie den „Best Innovative StartUp in Sports “ der SPOBIS 2019. Zudem ist er Preisträger des „Red Dot – Bester der Besten für Reiseführer“ Awards für die Travel-App „ULYSS”.