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Redaktioneller Beitrag · shape UP Business 2/2019

Fehlende Richtlinien für die Trainerausbildung

Für die Ausbildung zum Personal Trainer gibt es derzeit keine Rahmen, Richtlinien oder Voraussetzungen. Jeder kann sich einfach selbst zum Trainer erklären und damit ein Studio betreiben. Da die Fitnessbranche von der Politik aber immer stärker als Teil der Gesundheitsbranche wahrgenommen wird, soll sich das bald ändern.

Hans-Georg Sausse

Wenn es um die Rekrutierung von Trainer-Nachwuchs geht, spielen die großen Fitnessketten natürlich ganz vorne mit und nutzen dafür alle Kanäle. Facebook, Instagram, Spotify, Twitter oder Snapchat – wer dort unterwegs ist, wird regelmäßig auf Recruiting-Kampagnen wie „The Coaches“ stoßen. Immerhin hat die Studiokette1 hinter dieser Kampagne allein in Deutschland 164 Studios mit Personal zu bestücken, und wer die weiterhin boomende Branche kennt, weiß, dass gute Trainer nicht vom Baum fallen.

Gute Trainer? Wer sich die Ausbildungskriterien für Personal-Trainer anschauen will, findet – nichts. Oder besser kaum etwas. Denn außer der DIN-Norm 33961 (siehe Infokasten) oder dem europäischen EQR (siehe Infoasten) gibt es keine Ausbildungsvorgaben für Trainer in Fitnessstudios. Letztendlich kann sich jeder selbst zum Personal Trainer ernennen.

Eine Situation, die Professor Stephan Geisler auf die Palme bringt: „Wenn man sich bloß mal vorstellt, dass quasi jeder einfach diesen Beruf ausüben darf, und es niemanden interessiert, ob überhaupt irgendeine Ausbildung stattgefunden hat, dreht sich bei mir der Magen um.“ Schon seit Jahren versucht Geisler, Vizepräsident für Lehre und Forschung an der IST-Hochschule und Leiter der Fitnesstrainer-Ausbildung an der Deutschen Sporthochschule Köln, die Politik für den Ausbildungsmangel in der Fitnessbranche zu sensibilisieren. „Ich putze seit einiger Zeit eifrig die Klinken im Deutschen Bundestag und habe tatsächlich Gehör gefunden“. Ein Ohr geliehen hat ihm Gitta Connemann, stellvertretende CDU-Vorsitzende im Bundestag. Als Mitstreiterin setzt sie sich nun in Berlin für mehr Qualitätsstandards in der Fitnessbranche ein.

Gitta Connemann, stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag Gitta Connemann

Gitta Connemanns Erkenntnis aus den Gesprächen mit Professor Geisler: „Die Deutschen sind offenbar die sportlichsten EU-Bürger. Mit mehr als 10 Millionen Mitgliedern in mehreren Tausend Studios führt Deutschland in Europa den Fitnessmarkt deutlich an. Aber es gibt dafür kaum Vorgaben. Für die Eröffnung eines Fitnessstudios ist weder eine berufliche Ausbildung noch eine andere spezielle Qualifikation erforderlich. Jeder kann sich Personal Trainer oder Fitnesstrainer nennen. Die Verbraucher wissen nicht, ob sie an einen Könner oder einen Pfuscher geraten. Und darunter leiden auch die wirklich gut ausgebildeten Trainer und die exzellenten Studios.“ Ihr knappes Resümee: „Das muss sich ändern“.

Denn, so die ostfriesische CDU-Abgeordnete: „Sport ist Prävention und Therapie in einem. Und deshalb haben wir das Thema Bewegung zu einem Eckpfeiler des Präventionsgesetzes gemacht. Auch dort setzen wir auf Bewegungsförderung. Dazu gehört die Bewegung im Fitnessstudio genauso wie im Sportverein oder beim Lauftreff. Im Präventionsgesetz ist die Fitnessbranche explizit eingeschlossen.“

DIN-Norm 33961

Seit 2013 kann sich jedes Studio Qualität und Qualifikationen des Betriebes und der Mitarbeiter mit einer Prüfung nach der DIN-Norm 33961 attestieren lassen. Das ist jedoch nicht verpflichtend. Die Messlatte zur Erfüllung der Norm ist nicht sehr hoch angelegt, vor allem zur allgemeinen Qualifikation der Trainer gibt es nur sehr geringe Vorgaben:

  • Sie müssen mindestens 18 Jahre alt sein und
  • dürfen maximal 20 Trainierende gleichzeitig beaufsichtigen.

Besser ausgebildete Trainer müssen sich demnach an der Stufe 2 des Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) orientieren. DQR-Stufe-2-Trainer für gerätegestütztes Kraft- oder Herz-Kreislauf-Training sollten

  • den Sporttreibenden mit „grundlegendem Fachwissen“ begleiten können,
  • sportmedizinisches Grundwissen besitzen,
  • Grundlagen der Trainingslehre im Krafttraining kennen und
  • Grundkenntnisse zur bedarfsgerechten Ernährung haben.

Laut der Norm muss knapp ein Drittel aller Arbeitsstunden im Studio von Trainern geleistet werden, die mindestens DQR-Stufe 3 entsprechen. Solche Trainer benötigen

  • „erweitertes Fachwissen“ und
  • Kenntnisse über physiologische und biomechanische Aspekte des Krafttrainings, z. B. welche mechanischen Belastungen durch das Training entstehen.

EQR

Der Europäische Qualifikationsrahmen (EQR) ist eine Initiative der EU und hat das Ziel, berufliche Qualifikationen in Europa vergleichbarer zu machen. Über Qualifikationsstufen von Level 1 bis Level 4 wurde definiert, welche Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen in der Ausbildung vermittelt werden sollten, damit vergleichbare europaweite Qualitätsstandards erreicht werden.

Die Akademie für Sport und Gesundheit hat die einzelnen Levels für die Trainerausbildung in Anlehnung an die europäischen Qualitätskriterien so definiert:

  • Level 1: Der Auszubildende ist in der Lage, Training, Anwendungen und/oder Kurse unter direkter Anleitung in einem vorstrukturierten Kontext auszuführen.
  • Level 2: Der Auszubildende ist in der Lage, Training, Anwendungen und/oder Kurse selbstständig zu planen und durchzuführen.
  • Level 3: Der Auszubildende ist in der Lage, Training, Anwendungen und/ oder Kurse eigenverantwortlich zu planen, durchzuführen und langfristig zielgerichtet auf die jeweiligen Umstände und persönlichen Besonderheiten der Kunden anzupassen.
  • Level 4: Der Auszubildende ist in der Lage, Aufgaben eigenständig zu bearbeiten. Training, Anwendungen und/oder Kurse können systematisch und eigenverantwortlich geplant, durchgeführt und langfristig zielgerichtet auf variierende Umstände und vielfältige Besonderheiten der Kunden angepasst werden. Trainings und/oder Therapieprozesse können durch diagnostische Verfahren bewertet und anschließend zielgerichtet abgestimmt werden.

Auch Professor Dr. Matthias Obinger, Studienleiter an der Deutschen Berufsakademie Sport und Gesundheit, sieht Handlungsbedarf. Den größten Mangel in den derzeitigen Ausbildungsangeboten sieht er darin, „dass Lizenzen im Freestyle-System zu absolvieren sind. Gerade im Studiobereich haben wir es mit Menschen zu tun, die zudem häufig mit gesundheitlichen Problemen zu uns kommen. So wird hier sehr oft falsch beziehungsweise mit unspezifischen Belastungsparametern gearbeitet. Ein wissenschaftlich fundiertes, geplantes Training ist nur selten anzutreffen.“

Dramatisch seien seiner Meinung nach aktuelle Zahlen aus dem Online-Ausbildungsgeschäft: „Es ist bekannt, dass 2018 circa 3 500 Trainer nur im Online-Verfahren ausgebildet wurden. Und das im Sport, wo wir doch so viel Wert auf das Bewegungslernen legen. Aus meiner Sicht sind solche Lizenzen Muster ohne Werte.“

Als vorbildlich verweist er auf den Deutschen Olympischen Sportbund e. V. (DOSB), und dessen Bundesrahmenplan. „Der ist verbindlich für alle Verbände, die qualifiziertes Personal mit Anerkennung ausbilden wollen. Im Fitnessbereich kann quasi jeder eine Ausbildungsinstitution gründen, einen eigenen Ausbildungsplan schreiben und ausbilden.“

Wenn es um verbindliche Ausbildungsrichtlinien geht, wären die Interessenverbände der Fitnessbranche gefragt. Doch allzu viel erwartet Professor Obinger hier nicht: „Den Studiointeressensverbänden traue ich im Ausbildungsmanagement nicht sehr viel zu. Da sie zum Teil mit Ausbildungsinstitutionen liiert sind, agieren sie häufig wie zahnlose Tiger.“

Trotz des Fehlens verbindlicher Ausbildungskriterien muss nicht jeder Personal Trainer schlecht sein. Viele Ausbildungsinstitute in der Branche setzen auf Qualität. Das kostet Geld, braucht Zeit und ist nicht in ein paar Tagen zu absolvieren. Professor Obinger fasst das bestehende Manko so zusammen: „Die Grundlagenausbildung wird nicht definiert. Und ohne Fundament kann man kein Haus bauen.“

Die eingangs erwähnte Fitnesskette1 setzt daher bei der Ausbildung auf eine Partnerschaft mit der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement. „Bereits seit fünf Jahren machen wir ausgezeichnete Erfahrungen mit Trainern, die wir gemeinsam mit der DHfPG ausbilden“, sagt Pierre Geisensetter, Unternehmenssprecher der Berliner Studiokette. „Durch die perfekte Kombination aus Theorie und Praxis können wir gewährleisten, wirklich professionelle Fachkräfte in unseren Studios zu beschäftigen.“

Besser wäre es allerdings, wenn es für alle Fitnessstudios einen verbindlichen Ausbildungsrahmen mit klar definierten Qualitätsmerkmalen geben würde. Besser für die Studios, besser für das Image der Branche – und besser für die Trainierenden.

Anmerkungen

1 Bei der genannten Studiokette handelt es sich um McFit.

Drei Fragen zur Personal Trainer-Ausbildung an Professor Dr. Obinger

Professor Dr. Matthias Obinger ist Studiengangsleiter an der Deutschen Berufsakademie Sport und Gesundheit (dba) in Baunatal. Er verantwortet die Fachgebiete Trainingslehre, Sportbiologie und Bewegungslehre.

Matthias Obinger

Sollte die Politik aktiver werden und einen Ausbildungsrahmen vorgeben?

Die Politik hat sich bisher in Ausbildungsfragen überhaupt nicht engagiert. Daher sollten sie es auch weiterhin lassen. Bisher ist nahezu Alles aus dem Markt heraus entstanden. Die Politik sollte sich lieber um wirtschaftliche Rahmenbedingungen für Mittelständler kümmern und sich hier der Frage nach der Mehrwertsteuer widmen.

Sie bilden selbstTrainer aus. Was ist Ihnen in der Ausbildung besonders wichtig?

Unsere Trainerausbildung an der staatlich anerkannten Deutschen Berufsakademie basiert auf Präsenzunterricht und einer stark praxisorientierten Durchführung. Bewegungslernen, Umgang mit Geräten, Umgang mit Kurz- und Langhantel, Group-Angebote, das Einmaleins des Ausdauertrainings u.v.m. sind Schwerpunkte mit pädagogisch-psychologischen Zielen. Unser Ziel ist, Trainer mit großem sportwissenschaftlichen Know-how und hoher sozialer Kompetenz auszubilden.

Würden Sie einen Bekannten oder Verwandten unbesehen in jedes Fitnessstudio gehen lassen?

Sicherlich würde ich mich nach der Trainerqualifikation erkundigen. Man muss auch deutlich machen, dass sich vor allem inhabergeführte Studios sehr bemühen, ihre Qualität stetig zu verbessern. Bei den großen Ketten hätte ich so meine Bedenken, denn hier sind qualifizierte Trainer oft Mangelware.

Drei Fragen zur Personal Trainer-Ausbildung an Professor Dr. Geisler

Stephan Geisler ist Professor für Fitness und Gesundheit an der IST-Hochschule in Düsseldorf. Außerdem unterrichtet er an der Deutschen Sporthochschule Köln den Schwerpunkt Olympisches Gewichtheben und leitet die Fort- und Weiterbildungen im Bereich Fitness- und Athletiktraining.

Stephan Geisler

Sollte die Politik aktiver werden und einen Ausbildungsrahmen vorgeben?

Ja. Da muss einfach etwas geschehen. Sich nur auf das Präventionsgesetz §20 zu berufen, bringt aus meiner Sicht ja nichts, weil nur ein Bruchteil aller Fitnessstudios überhaupt damit arbeitet.

Sie bilden selbst Trainer aus. Was ist Ihnen in der Ausbildung besonders wichtig?

Zum einen fundierte Grundkenntnisse aus den Bereichen der Anatomie, Physiologie und Trainingslehre. Zum anderen aber auch Coaching-Skills und den Umgang mit Menschen zu üben. Vor allem mit denjenigen, die gesundheitliche Einschränkungen haben.

Würden Sie einen Bekannten oder Verwandten unbesehen in jedes Fitnessstudio gehen lassen?

Gute Frage! Also falls der Bekannte nicht ganz gesund wäre, leider eher nicht! Meine Mutter ist zum Beispiel schon sehr alt und stark eingeschränkt. Sie würde ich niemals in „irgendein“ Fitnessstudio schicken.