Perspektive
shape UP Business 2/2019

Der Kunde will vertrauen können

Diskussionen über ethisches Verhalten erscheinen häufig als philosophisch abgehoben und realitätsfern. Dies gilt auch für die Fitnessbranche. Dass sich jedoch die fehlende Reflexion über die Frage "Was ist richtig – was ist falsch?" und deren Konsequenzen für das individuelle, unternehmerische und Branchenverhalten rächt, zeigen die zahlreichen Beispiele aus der großen Wirtschaft. Es lohnt sich, über die Frage nach der Ethik unseres Verhaltens in der Fitnessbranche nicht nur nachzudenken, sondern ein Wertesystem für unsere Branche zu formulieren.

Wolfgang Bahne
Lesezeit: ca. 5 Minuten
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Was verstehen wir unter Ethik?

Ethik ist jener Teilbereich der Philosophie, der sich mit den Voraussetzungen und der Bewertung menschlichen Handelns befasst (1). Ethik stellt somit keine Vorschrift dar, sondern ist lediglich eine Reflexion über das eigene Verhalten und das der anderen.

Wesentlicher Bestandteil ethischer Fragen ist die „Moral“, die die zugrundeliegenden Regeln und Werte menschlichen Verhaltens beschreibt. Je nach Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft (Kulturkreis, Staat, Kommune, Familie, Branche o.ä.) können unterschiedliche Werte und darauf aufbauende Verhaltensregeln existieren. Diese sind oft hierarchisch organisiert. Das heißt zum Beispiel, im christlich geprägten Lebensraum sind die „10 Gebote“ des Alten Testamentes prägend und finden sich in vielen Verfassungen und Gesetzen wieder. Sie prägen das Verhalten der meisten Menschen bis auf individueller Ebene. „Du sollst nicht morden“ ist zum Beispiel ein in unserer Kultur tief verwurzelter Wert. „Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen gegenüber Deinem nächsten“ heißt vereinfacht: Du sollst nicht lügen. Auch das ist ein Wert, der heute immer mehr infrage steht.

In den westlich geprägten Ländern finden sich seit der Aufklärung die „Menschenrechte“, wie Freiheits- und Autonomieansprüche, in immer mehr Verfassungen als prägendes Element. In der Charta der Vereinten Nationen finden sich ebenfalls Rechte, wie Gleichberechtigung, Selbstbestimmung oder Zusammenarbeit.

Warum ist die Reflexion über unser Verhalten so wichtig?

Ob wir es wollen oder nicht, unserem Verhalten liegt immer eine bestimmte Moral zugrunde. Handeln wir immer nur zu unserem eigenen, persönlichen Vorteil, oder beziehen wir die Interessen der Anderen in unsere Entscheidungen ein? Sagen wir immer die Wahrheit oder lügen wir, um negative Konsequenzen zu vermeiden? Halten wir uns an Abmachungen oder tun wir nur so? Führen wir ein Unternehmen (oder einen Verband) zur Erhöhung unserer eigenen Macht und unseres eigenen Einkommens oder stellen wir unsere persönlichen Interessen und Vorteile dem Gesellschafts- oder Unternehmenswohl hintenan?

Wird rücksichtsloses persönliches und wirtschaftliches Verhalten aufgedeckt führt dies zu immer intensiveren Reaktionen des Marktes, der Kunden und der Politik. Unternehmen verlieren einen Großteil ihres Wertes, Parteien verlieren ihre Glaubwürdigkeit, und die Selbstbedienungsmentalität von Politikern führt unter anderem zur Politikverdrossenheit bis hin zur kompletten Gesellschaftsänderung. Kurz: unmoralisches Verhalten hat über kurz oder lang massive negative Auswirkungen.

In der Fitnessbranche können wir ähnliches beobachten. Die von vielen Fitnessunternehmen großspurig kommunizierte Versprechen wie: „Bei uns ist immer ein Trainer für Sie da“ oder „Wir helfen Ihnen dabei, Ihre Ziele zu erreichen“, sind in der Praxis jedoch sehr oft Luftblasen und leere Versprechungen. Stattdessen werden zu wenig Mitarbeiter beschäftigt und schlecht bezahlt. Auf Führungsebene fehlt es an (führungs-)erfahrenen Managern und Mentoren, die den jungen Kollegen ein Beispiel sind und sie unterstützen. Ursache ist häufig ein schlechtes Management oder ein kurzfristiges Renditedenken. In der Folge erreichen Kunden ihre Ziele nicht oder fühlen sich nicht gut unterstützt. Auch hier führt eine bestimmte Moral („profit first“) langfristig zu Vertrauensverlust und Kundenschwund.

Aktuelle, ethische Fragestellungen in der Wirtschaft

Am 18. September 2015 wurde öffentlich bekanntgemacht, dass die Volkswagen AG eine illegale Abschalteinrichtung in der Motorsteuerung ihrer Diesel-Fahrzeuge verwendete. Es wurde bewiesen, dass die Hersteller viele Jahre vor Bekanntwerden des Skandals die Maßnahmen anordneten oder von diesen wussten. Dies war der Beginn eines der größten Wirtschaftsskandale in Deutschland mit verheerenden finanziellen Folgen für die deutsche Automobilindustrie, Verhaftungen und Anklagen von Unternehmensführern, einem dramatischen Vertrauensverlust einer Vorzeigebranche und der Beginn der „Verkehrswende“.

Im Mai dieses Jahres wurde ein Video des österreichischen Vizekanzlers Strache lanciert, in dem er einer angeblichen russischen Oligarchin auf Ibiza den „Ausverkauf Österreichs“ angeboten habe. Ein beispielloser Fall von Machtversessenheit, Egoismus, Demokratiefeindlichkeit, kurz: extrem unmoralischen Verhaltens. Dies führte zum Rücktritt aller FPÖ Minister, Neuwahlen und einem Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Kurz

Brauchen wir einen Moralkodex in der Fitnessbranche?

Die Fitnessbranche ist eine Dienstleistungsbranche. Unser Produkt entsteht erst in dem Zusammentreffen von zwei Menschen: Trainer und Kunde. Die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Menschen ist nur dann gegeben, wenn beide einander vertrauen. Wenn ich der Meinung bin, dass mein Gegenüber ein notorischer Lügner ist, wird es mit der Zusammenarbeit schwierig. Wenn ich weiß, dass mein Gegenüber bestimmte Interessen vertritt, die er aber nicht kommuniziert, dann werde ich vorsichtig sein.

Unsere Branche ist aber nicht nur eine Dienstleistungsbranche, sondern immer mehr Teil des Gesundheitssystems. Zu uns kommen immer mehr Menschen mit körperlichen Problemen, sei es Übergewicht, Rückenschmerzen, Kreislaufproblemen o.ä. Hier ist Vertrauen besonders gefragt. Aber auch wenn es nicht um die Verbesserung des Gesundheitszustandes geht – auch die Verbesserung von Kraft, Ausdauer oder Beweglichkeit, beruht auf einer Vertrauensbasis, zum Beispiel die Kompetenz des Trainers, dessen Interesse es sein sollte, bei der Erreichung meiner Ziele zu helfen. Training kann nützen, aber auch nutzlos sein oder gar verletzen oder schädigen.

Zum Abschluss einer Mitgliedschaft über ein bis zwei Jahre ist auch Vertrauen in das Unternehmen als Ganzem erforderlich. Wie wird man reagieren, wenn ich krank bin, arbeitslos werde, ins Ausland versetzt werde oder sich mein Partner, mit dem ich bisher im Studio trainierte, von mir trennt. Lässt mich das Studio aus meinem Vertrag? Das nachlassende Vertrauen führt bereits jetzt zu großer Nachfrage nach jederzeit (oder zumindest kurzfristig) kündbaren Mitgliedschaften und einem Widerstand von Kunden, einen Vertrag zu unterschreiben.

Aber auch auf Verbandsebene ist die Reflexion über moralisches Verhalten vonnöten. Noch immer hat die Branche keine echte politische Vertretung, noch immer fehlt ein nachhaltiges Gehör in Berlin, noch immer wird Zusammenarbeit mit anderen Akteuren des Sport-, Fitness- und Gesundheitsmarktes (z.B. des organisierten Sportes) verweigert. Verbandsvertreter werden immer noch nicht die nötige Relevanz als Partner des Gesundheitswesens eingeräumt.

In diesem Kontext können viele Fragen gestellt werden: Ist das eine Folge eines bestimmten (a)moralischen Verhaltens? Wird unser Branchenverband demokratisch geführt oder dient er mehr dem individuellen Macht- und Vermögensgewinn? Sind unsere Branchenvertreter wirkliche Repräsentanten und Vorbild? Warum werden sie nicht ernst genommen?

Die Reflexion über unser Verhalten als Individuum, als Unternehmen und als Branche ist existenziell wichtig, um der Branche die Bedeutung zu verleihen, die ihr gebührt. Man könnte sagen: Alles eine Frage der Moral!

Ein guter Anfang wäre es in sich zu gehen und sich selbst zu fragen: Würde ich dem Typen dort vertrauen? Würde ich dem meine Gesundheit anvertrauen? Würde ich mit ihm Geschäfte machen? Und wenn ich diese Fragen mit „Nein“ beantworten sollte, könnte ich mich fragen „Was müsste der Typ im Spiegel denn tun, damit ich ihm vertrauen könnte?“

Eine Antwort zur Lösung der moralischen Frage könnte für jeden Menschen lauten:“Handle immer so, wie Du möchtest, dass man Dich behandelt“, oder, wie der große Philosoph Immanuel Kant in seinem kategorischen Imperativ fordert: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“

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Welche Regeln „richtigen Verhaltens“ in der Fitnessbranche gelten könnten lesen Sie in der shape UP Business 3/ 2019, Veröffentlichung am 24.9.2019

Dieser Artikel ist erschienen in

shape UP Business 2/2019

Erschienen am 21. Juni 2019