Chefsache
shape UP Business 2/2019

Der Fisch … immer vom Kopf her!

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Was ist der Unterschied zwischen einem schlecht geführten Fitnessstudio und der Fitness-Branche? Antwort: Das Studio hat wenigstens eine Führung – die Branche dagegen nicht. Klar, es gibt eine Handvoll Verbände im Fitnessmarkt, aber eben keine echte Verbandsführung. Dabei bräuchte der Fitnessmarkt zur Zeit nichts nötiger, als eine authentische und anerkannte Vertretung seiner gemeinsamen Interessen. Besonders damit der anhaltende Boom sich nicht weiter zu einer Blase aufbläht, die schon bei der nahenden Konjunkturdelle zu platzen droht.

Gemeinsame Interessen, die die mehr als zehntausend Studios und Industrie-Unternehmen verfolgen müssten, werden der Branche seit Jahren eher von außen diktiert, als von seinen Mitgliedern formuliert und erst recht nicht von selbst ernannten Verbands-Organisationen vertreten.

Jüngstes Beispiel: die Fitness-Norm DIN 33961. Die angeblich demokratisch entwickelten „Mindestanforderungen an Betrieb und Ausstattung von Fitnessstudios“ wurden von in der Mehrzahl branchen-externen Ausschuss-Teilnehmern festgelegt. Es wäre Aufgabe der Branchen-Vertretungen gewesen, die Interessen wenigstens der eigenen Mitglieder in die Verhandlungen einzubringen.

Anderes Beispiel: Das Präventionsgesetz, das unverkennbar die Handschrift des Vereinssports trägt. Ein Einfluss der Fitnessbranche ist nicht einmal an den Satzzeichen zu erkennen. Dabei konnten sich einige Verbände gar nicht schnell genug mit der fremden Feder schmücken, dass die Bezeichnung Fitnessstudio erstmals in einem Gesetz erwähnt sei.

Mehr noch: Ärzte dürfen Bewegung auf Rezept verordnen. Diese Präventionsmaßnahme wurde wie eine Lizenz zum Geld drucken gefeiert. Bis heute gibt es jedoch nur ein vom Vereinssport mit Ärzteverbänden vereinbartes „Rezept für Bewegung“. Der Fitnessmarkt hat davon nicht profitiert. Und die Fitnessverbände überlassen auch dieses Feld weiter den Vereinen. Interessen-Vertretung sieht anders aus.

Es gibt seit Jahren keine bundesweiten Aktivitäten der Branchen-Verbände zur Verbreitung des Fitness-Gedankens in der Bevölkerung:

– weder wissenschaftliche Kongresse (außer privat-wirtschaftlichen Events)

– noch einen Tag der Fitness, der in allen interessierten Studios stattfindet,

– keine offiziellen, bundesweit verbreiteten Statements zu aktuellen Themen wie Pflege, Diabetes oder Übergewicht,

– keine gemeinsamen Tagungen mit interessens-verwandten Organisationen wie Krankenkassen, Orthopäden, Osteopathen, Kardiologen, Sportärzten und -wissenschaftlern, Sport- oder Medizin-Journalisten

Auch Antworten auf drängende Fragen des Studio-Alltags fehlen seit Jahren:

  • Objektiv und neutral gesetzte Qualitäts-Kennzeichen für Studios, wie sie etwa in der Schweiz etabliert wurden, damit Verbraucher den Unterschied zwischen Studios mit und ohne Betreuung kennen
  • Zu prekären Arbeitsverhältnissen für wissenschaftlich ausgebildete Mitarbeiter -–kein Kommentar.

Viele Studios kämpfen um Anerkennung und einen Platz im Zweiten Gesundheitsmarkt – aber die Verbände sind nicht einmal in der Lage, eine Branchen-Philosophie und gemeinsame gesellschaftspolitische Positionen zu formulieren. Man könnte durch klare Stellungnahmen ja Mitglieder vergraulen oder Sponsoren verlieren und seine diversen Nebengeschäfte gefährden.

Statt durch Führungsstärke und eine eindeutige Strategie der aufstrebenden Branche in der Gesellschaft eine ernstzunehmende Stimme zu geben, brüsten sich die Verbände mit Terminen, zu denen sie politische Hinterbänkler in Berliner Hinterzimmern treffen. Falls Politiker aber doch einmal von sich aus Kontakt zum Fitnessmarkt suchen, stoßen sie auf ein unübersichtliches Gewirr von untereinander zerstrittenen Organisationen: zwei, die sich als Arbeitgeberverband bezeichnen (DSSV und BVGSD); vier, die angeben Trainer zu vertreten (DFAV, BPT, dflv, VDF); zwei Lobbyisten (FID und DIFG) und ein paar Bodybuilding-Vertretungen, die auch Fitness im Namen führen.

Mich wundert nicht, dass Fitnessstudios keine Lobby haben: Sie haben ja auch keine Führung und keine Botschaft. Oder was leisten die Verbände, denen Sie vielleicht auch noch Beiträge zahlen, für Sie?

Herzlichst Ihr

Burkhard Lüpke

Burkhard Lüpke

Dieser Artikel ist erschienen in

shape UP Business 2/2019

Erschienen am 21. Juni 2019