Beratung & Betreuung
shape UP Business 2/2019

BGM in Unternehmen

Das Thema "Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM)" ist aus Unternehmen nicht mehr wegzudenken. Ob zur Mitarbeiterbindung, Mitarbeitermotivation, im Employer Branding oder im Personalrecruiting, überall wird das Thema BGM in den Vordergrund gestellt. Schaut man genauer hin und analysiert Unternehmen in ihrer Außendarstellung im Bezug auf BGM, wird deutlich, dass viele Unternehmen gar nicht genau wissen, was BGM eigentlich bedeutet und wo der Unterschied zur Betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) liegt. Hier drohen durch Unwissenheit falsche oder zu hohe Investitionen und damit das Gegenteil von Mitarbeitermotivation.

Timo Marx
Lesezeit: ca. 6 Minuten
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Unterschied BGM und BGF

Um das Thema Betrieblichem Gesundheitsmanagements (BGM) und Betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) zu verstehen und umsetzen zu können, sollten in diesem Zusammenhang alle Begrifflichkeiten klar definiert sein, denn nur so ist man in der Lage innerhalb seines Unternehmens zu kommunizieren und auf Augenhöhe mit BGM-Dienstleistern zu sprechen.

Unter BGM versteht man die Verankerung von Gesundheit als betriebliches Ziel unter Inanspruchnahme von Managementstrategien (1). Im Gegensatz dazu versteht man unter der BGF alle konkreten Aktivitäten, die auf die Entwicklung gesundheitsfördernder Rahmenbedingungen sowie auf die Verbesserung der Gesundheit der Beschäftigten durch die Senkung gesundheitsrelevanter Belastungen und Stärkung der persönlichen Gesundheitsressourcen abzielen (2).

In diesem Zusammenhang liest man immer wieder von Absentismus-Kosten. Dieser Begriff dient in der Arbeitspsychologie und -soziologie als Bezeichnung für Fehlzeiten, die vor allem auf motivationale Ursachen oder planmäßiges Fernbleiben von der Arbeit, nicht aber auf tatsächlichen Krankenstand zurückzuführen sind (3).

Mit diesem Kenntnisstand fühlen sich Unternehmen ausreichend informiert und legen das Thema ad acta. Doch das ist es nicht: BGM ist genauso ein Bereich des Unternehmens wie die Buchhaltung, das Marketing oder der Vertrieb. Nun kann jeder Unternehmer in den Spiegel schauen und sich die Frage stellen: Ist mein BGM-Konzept nur ein Mythos, damit mein Unternehmen von außen gut wirken kann? Habe ich überhaupt ernsthafte Projekte im BGM gestartet? Oder habe ich es wirklich geschafft ein realistisches BGM-Konzept auf die Beine zu stellen und nutzen meine Mitarbeiter dieses Konzept?

Gemeinsam stark

BGM und BGF können nur zusammen existieren und funktionieren erst in einem ganzheitlichen individuellen Konzept, angepasst auf das jeweilige Unternehmen.

BGM implementieren

Inzwischen ist es bei der Masse an BGM-Dienstleistern kaum mehr möglich den Überblick zu halten. Viele Dinge werden versprochen, zum Beispiel die Reduktion der Krankentage oder auch die Lösung des Präsentismus-Problems, sprich der Verlust von Produktivität aufgrund unterdurchschnittlicher Leistungen während der Arbeit. Grundlage für den Produktivitätsverlust ist hierbei die Anwesenheit der Arbeitnehmer trotz körperlicher Beschwerden oder psychischer Belastungen (4).

Der Weg ist das Ziel

Zuerst sollte sich jeder Unternehmer seine Ziele vor Augen führen. Klassiker sind die Steigerung der Mitarbeitermotivation, eine bessere Mitarbeiterbindung, eine erfolgreichere Mitarbeitergewinnung und vor allem die Reduktion der Krankentage. In der Regel wirkt sich jede Maßnahme auf alle Bereiche aus, aber die jeweilige Kommunikationsstrategie ist eine andere.

Hat sich der Unternehmer für ein Ziel entschieden empfiehlt es sich sein eigenes Unternehmen nochmals zu analysieren. Das beinhaltet die Mitarbeiteranzahl, die Altersstruktur, die Branche und die Aufgabenbereiche der Mitarbeiter. Die Wünsche der Mitarbeiter können durch eine interne Befragung miteinfließen.

Praxisbeispiel

Nehmen wir an es handelt sich um ein Fitnessstudio mit 15 Mitarbeitern, der Altersdurchschnitt beträgt 28 Jahren und die Mitarbeiter (Rezeptionisten, Trainer und Verwaltungsmitarbeiter) wohnen in der Nähe des Studios. Nun sollte eine Maßnahme gewählt werden, welche die meisten dieser Personen erreicht. Da es sich um ein relativ junges Team handelt, ist ein digitales Produkt eine passende Option. Dieses bildet die Basis für weitere Maßnahmen im BGM und jeder Anwender kann die Nutzung nach seinem Tagesablauf planen. Zudem bietet die Plattform spezielle Coachings im Persönlichkeitsbereich an und stellt dem Mitarbeiter täglich gesundheitsspezifische Videos zur Verfügung. Des Weiteren kann regelmäßig eine Weiterentwicklung der Software stattfinden und eine individuelle Lösung herausgearbeitet werden.

Wenn die Richtung klar ist, kann man die ersten Dienstleister suchen. Hierbei kann auch ein spezieller BGM-Berater hinzugezogen werden. In jedem Fall sollte man sich viele Vergleichsmöglichkeiten einholen und sich immer wieder fragen, ob das Angebot zu seinen Mitarbeitern passt.

Passende Maßnahmen wählen

Wurde eine passende Dienstleistung gefunden ist der nächste Schritt die ausgesuchten Ziele real werden zu lassen und eine Kommunikationsstrategie zu entwerfen. Denn nur durch die richtige interne und externe Kommunikation kann BGM als Vorteil genutzt werden.

Zuerst sollte man die Mitarbeiter informieren, was man implementieren wird und wie dies funktionieren soll. Der Unternehmer muss sich im Klaren sein, dass bspw. ein digitales Produkt, aber auch viele andere Dienstleistungen, sowohl zu Hause als auch am Arbeitsplatz stattfinden. Aber bitte innerhalb der Arbeitszeit: Altbackene Handyverbote oder der Wunsch, dass alles außerhalb der Arbeitszeit stattfinden muss, sind nicht mehr zeitgemäß.

Mitarbeiterbindung erreicht man durch Authenzität. Zeigen Sie, dass die Maßnahme zu Gunsten der Mitarbeiter implementiert wird. Kommunizieren Sie persönlich und halten die Maßnahme schriftlich fest, damit es jeder nachlesen kann. Außerdem muss von Beginn an regelmäßig über das interne BGM berichtet werden, denn BGM ist kein Selbstläufer und keine einmalige Handlung.

Vorteile für Unternehmer

Die Mitarbeiter werden nun positiver über das Unternehmen sprechen, was positive Auswirkungen auf das Image und im besten Falle sogar den Umsatz hat. Das Unternehmen wird als Arbeitgeber attraktiver, was sich positiv auf die Bewerbersituation auswirkt. Nutzt man diesen Flow nun auch in der Außendarstellung, also in Stellenanzeigen, Bewerbungsgesprächen oder Marketingaktionen wird man automatisch bessere Chancen haben, die richtigen Mitarbeiter zu finden und auch für sich zu gewinnen.

Reporting

Um den Erfolgen des BGM zu bewerten und zu kommunizieren benötigt es ein standardisiertes Reporting. Eine große Kennzahl ist in diesem Zusammenhang die Reduktion der Krankentage. In Folge dessen eine Senkung der Kosten, und eine Erhöhung des Gewinns.

Jedes Unternehmen sollte am Ende des Jahres eine Krankenstatistik vorliegen haben und versuchen die Gründe für die Krankheitstage zu analysieren. Betonung auf „versuchen“: Denn die Krankenstatistik kann allein durch stärkere Grippewellen negativ beeinflusst werden und ermöglicht somit keinerlei Rückschlüsse auf das BGM. Hier sollte sich das Unternehmen deutlich auf den Präsentismus konzentrieren. Hier kann man durch geeignete Maßnahmen deutliche Erfolge erzielen.

Bezuschussung & Steuern

Ein letztes großes Hindernis vor dem endgültigen Entschluss BGM einzuführen ist häufig das Thema Bezuschussung und Steuern. Das Thema Bezuschussung kann mit der eventuell vorhandenen Hauskrankenkasse besprochen werden. Hier gibt es aber keine allgemeingültige Regel. Sollte die Hauskrankenkasse eine Unterstützung verneinen, besteht natürlich die Möglichkeit des Wechsels der Hauskrankenkasse zu einer Krankenkasse, die einem die Unterstützung zusagen würde.

Seit dem 1. Januar 2008 wird die Förderung der Mitarbeitergesundheit unbürokratisch steuerlich unterstützt. Bis zu 500 Euro kann ein Unternehmen pro Mitarbeiter und pro Jahr seither lohnsteuerfrei für Maßnahmen der Gesundheitsförderung investieren. Es werden Maßnahmen steuerbefreit, die hinsichtlich Qualität, Zweckbindung, Zielgerichtetheit und Zertifizierung den Anforderungen der §§ 20 und 20b Abs. 1 i. V. mit § 20 Abs. 1 Satz 3 SGB V genügen. Hierzu zählen zum Beispiel Bewegungsprogramme, Ernährungsangebote, Suchtprävention und Stressbewältigung. Nicht darunter fällt die Übernahme der Beiträge für einen Sportverein oder ein Gesundheitszentrum oder Fitnessstudio (Bundesgesundheitsministerium).

Darüber hinaus gibt es auch die Möglichkeit den steuerfreien Sachbezug nach § 8 Abs. 2 Satz 11 EstG zu nutzen. Hier dürfen Unternehmen jedem Mitarbeiter pro Monat eine Sachleistung in Höhe von 44 € gewähren. Weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer zahlen dafür Steuern und Sozialabgaben. Einige Beispiele für Sachlösungen sind Tankgutscheine, Einkaufsgutscheine und Gutscheinkarten. Aber Achtung: Die Palette an steuerfreien Sachbezügen ist breit gefächert und man erreicht auch schnelle und kurzfristige Vorteile, denn man spart je nach Bezugsart Lohnsteuer und Sozialversicherungsabgaben. Aber gleichzeitig sollte jedem Arbeitgeber und Arbeitnehmer bewusst sein, dass die fehlenden Sozialversicherungsabgaben dazu führen, dass man auf den geldwerten Vorteil keine Rentenanwartschaft aufbaut. Daher muss hier offen und ehrlich zwischen Arbeitgeber, Dienstleister und Arbeitnehmer kommuniziert werden, denn ansonsten folgt im Alter der große Schock.

BGM als Realität

Zusammenfassend kann man deutlich sagen, dass BGM für jedes Unternehmen einen Mehrwert darstellen kann. Es bedarf guter Vorbereitung, viel Zeit und einiges an Wissen. Nimmt man den Bereich BGM genau so ernst wie andere Unternehmensbereiche, wird man langfristig viel Spaß und Erfolg haben. All das funktioniert nur in Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern.

Praxistipps

  • BGM ist für die Mitarbeiter, nicht für den Chef!
  • Jedes Unternehmen braucht individuelle Lösungen!
  • Wechseln Sie den Steuerberater, wenn er kein BGM-Profi ist!
  • Holen Sie sich professionelle Unterstützung!

Literaturverzeichnis

  1. Faller, Gudrun: Umsetzung Betrieblicher Gesundheitsförderung/Betrieblichen Gesundheitsmanagements in Deutschland: Stand und Entwicklungsbedarfe der einschlägigen Forschung: Georg Thieme Verlag KG 2000
  2. Kaba-Schönstein, Lotte: Interdisziplinäre Kooperation im Gesundheitswesen: Mabuse-Verlag 2003.
  3. Seydewitz, Marc: Absentismus – Möglichkeiten der Fehlzeitenreduzierung: Books on Demand GmbH 2009.
  4. Hemp, Paul: Presenteeism: at work-but out of it: Harvard business review 2004.

Dieser Artikel ist erschienen in

shape UP Business 2/2019

Erschienen am 21. Juni 2019