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Beratung & Betreuung · shape UP Business 1/2019

Was ist mein Studio wert?

Die Generation der Fitnessunternehmer, die in den 80er Jahren ihren ersten Club eröffnet haben, die Generation also, die den Grundstein für den Erfolg der Fitnessbranche gelegt hat, kommt langsam ins Rentenalter. Wer es nicht schon längst getan hat, stellt sich spätestens jetzt die Frage: Was mache ich mit meinem/meinen Club(s)? Ganz oder teilweile verkaufen ist für viele eine interessante Überlegung. Da stellt sich nur die Frage: Was ist das Unternehmen wert?

Wolfgang Bahne

Zwei verschiedene Paar Schuhe

Wert und Preis eines Unternehmens sind immer zu Unterscheiden. Selbst wenn sich Käufer und Verkäufer auf eine Wertermittlungsart einigen, ist das Ergebnis noch lange nicht automatisch der Preis, auf den man sich einigt. Ein Preis ergibt sich durch Angebot und Nachfrage am Markt und vor allem ist er abhängig von subjektiven Bewertungen auf Seiten des Käufers und Verkäufers.

Unternehmenswert ≠ Preis

Der Unternehmenswert ist der in Geldeinheiten ausgedrückte Wert eines Unternehmens.

Aus Sicht der Nutzentheorie entspricht der Wert eines Unternehmens dem subjektiven Nutzen, den die Kapitalgeber aus diesem ziehen können. Aus investitionstheoretischer Sicht ist der Unternehmenswert der sichere Geldbetrag, der für das Bewertungssubjekt in einer zu definierenden Weise äquivalent ist zu den unsicheren zukünftigen Netto-Rückflüssen aus dem Unternehmen.

Zu unterscheiden ist der Wert eines Unternehmens von dessen Preis. Beide sind nur unter eng definierten Bedingungen identisch. (Quelle Wikipedia)

„Der Unternehmenswert entspricht einem Geldwert, der auf der Basis unterschiedlicher Verfahren ermittelt werden kann. Aus dem Unternehmenswert kann ein Kaufpreis abgeleitet werden oder ein Unternehmen erfährt dadurch, wieviel es auf dem Markt wert sein kann. Allerdings muss der Unternehmenswert weder dem Preis des Unternehmens noch dem Marktwert entsprechen.“ (Quelle FinanceScout24)

Willkürliche Berechnungsmethoden

Es hat sich in der Fitnessbranche herumgesprochen, dass man den Wert (und dabei meint man oft gleich auch den Preis) eines Fitnessstudios durch die Ermittlung des Gewinnes ohne Berücksichtigung von Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA), multipliziert mit einem Faktor X berechnen kann. Der Faktor X liegt willkürlich bei 3,4,5 oder 6, weil „das so üblich“ sei.

Um den so berechneten „Preis“ dann noch in die Höhe zu treiben, werden oft Kosten, die eigentlich gar nicht in die Gewinn- und Verlustrechnung des Studios gehören, herausgerechnet. Das sind zum Beispiel der eigene PKW, das Gehalt der (nicht) mitarbeitenden Ehefrau u.ä. . Die Begründung: Der Käufer habe ja diese Kosten nicht und deshalb dürften diese bei der Gewinnberechnung auch nicht berücksichtigt werden.

Am Ende kommt es dann zu einem „Preis“, den die jeweils andere Seite häufig nicht akzeptiert.

Return on Invest

Die oben genannte Formel wird oft von professionellen Investoren angewandt und soll Auskunft darüber geben, wann, bei einem gegebenen Gewinn, die Investition wieder zurückfließt. Der so genannte Return on Invest oder in Kurzform ROI genannt.

Dabei berechnet der Investor den Gewinn, den er nach der Transaktion erzielen würde und multipliziert ihn mit der Anzahl der Jahre, wann er diesen ROI wieder einfahren möchte. Sowohl die Berechnung des Gewinns als auch die Anzahl der Jahre bis zum ROI sind sehr individuell. Deshalb wird auch der Gewinn des zu kaufenden Unternehmens, um diese verkaufsspezifischen Elemente bereinigt.

Nettogewinn

Als Basis der o.g. Berechnungsformel dient der EBITDA (Earnings before interest, tax, depreciation on assets). Das ist ein Begriff aus der Liquiditätsrechnung und stellt eine bestimmte Form des Cash Flows dar. Mit diesem erwirtschafteten Geld („Gewinn“) muss der Unternehmer seine Finanzierungskosten (Zinsen und Abschreibungen) und Steuern bezahlen, die Lohnkosten bestreiten und zukünftige Risiken oder erforderliche Investitionen berücksichtigen. Das, was nach Abzug aller Kosten und Aufwendungen übrigbleibt, wird als Nettogewinn bezeichnet.

Individuelle Aspekte fallen heraus

Der Cash Flow (EBITDA) stellt sich jedoch bei Käufer und Verkäufer unterschiedlich dar. Daher bereinigt der Käufe den Wert. Für den Käufer ist die Information wichtig, wie viele Jahre er diesen Gewinn verdienen muss, um sein Invest wieder zurück zu erhalten.

So wird er zum Beispiel neben den individuellen Zinsen, Abschreibungen und Steuern, die Kosten für einen tatsächlich nicht mitarbeitenden Ehepartner ebenso unberücksichtigt lassen wie den geleasten Porsche des Verkäufers. Das Ergebnis ist der EBITDA des zu kaufenden Unternehmens, bereinigt um Positionen, die individuell für den Verkäufer sind und beim Käufer nach der Übernahme nicht mehr anfallen.

Käufer und Verkäufer argumentieren aus verschiedenen Perspektiven. Ein Wechsel der Sichtweise eröffnet Potenzial für einen Kompromiss. Billion Photos / shutterstock.com

Nachdem die Positionen bereinigt sind, müssen die Positionen, die auf seiner Seite nach der Transaktion zusätzlich oder anders anfallen von dem bereinigten Gewinn wieder abgezogen werden. Das sind zum Beispiel: Zinsen für die Finanzierung der Transaktion, die Abschreibungen, das Gehalt eines Studioleiters, Head counts einer Fitnesskette o.ä. . Diese Positionen sind natürlich sehr individuell, beeinflussen aber maßgeblich den „Wert“ aus Sicht des Käufers.

Der Verkäufer vergisst dies häufig bei der Berechnung. In Folge dessen ist die Kaufpreisbasis dann viel zu hoch angesetzt.

Das Risiko ist ein geldwerter Faktor

Auch das Risiko, das mit einer solchen Transaktion verbunden ist, muss der Investor berücksichtigen. Zum Beispiel können Mitglieder bei einem „asset deal“, also wenn nur die Vermögenswerte gekauft werden und nicht das Unternehmen selber, außerordentlich kündigen. Da es sich um eine Unternehmensfortführung handelt, müssen jedoch Mitarbeiter bei jeder Transaktion übernommen werden.

Zuletzt muss noch der so genannte Investitionsstau betrachtet werden. Gegebenenfalls sind zeitnahe Investitionen nötig, die bisher nicht getätigt worden sind. Diese Investitionen müssen vom Gewinn abgezogen werden (zumindest die erforderlichen Finanzierungskosten).

Das Ergebnis dieser Berechnung ist dann der Netto-Gewinn aus Sicht des Käufers.

Die Bedeutung des „Multiplikators“

Erst wenn diese Berechnungen zu Grunde gelegt werden können, kommt die Multiplikationen mit einem Faktor X ins Spiel. Dieser Faktor definiert sich über den Zeitraum, den man bereit ist zu warten, bis sich die Investition gelohnt hat (ROI). Hier spielen Aspekte, wie die Renditeerwartungen des Investors oder alternative Geldanlagemöglichkeiten mit hinein.

Angenommen nach rund sechs Jahren fallen größere Neuinvestitionen wie etwa neue Geräte oder Renovierungen an, so sollte man hier den Multiplikator nicht größer als sechs ansetzen.

Weitere Einflussfaktoren auf den Kaufpreis

Um die Jahrtausendwende gab es zu diesem Multiplikator oft noch einen Aufschlag, der mit den Expansionsplänen und strategischen Überlegungen nationaler und internationaler Fitnessketten in Verbindung steht. Ein höherer Preis rechtfertigte sich dadurch, dass der größte Wettbewerber aus dem Markt gekauft wurde oder damit, dass ein internationaler Investor einen schnellen und attraktiven Markteintritt wollte.

Der Multiplikator kann aus Verkäufersicht auch niedriger ausfallen, wenn ein zeitlicher Druck gegeben ist. Im Falle von Geldnot, schweren Krankheiten, Scheidungen o.ä. ist es möglich, dass er den Preis für sein Unternehmen senken muss um schnell liquide Mittel zu erschließen.

Aus Verkäufersicht muss natürlich die steuerliche Seite der Transaktion beachtet werden. Auch diese hat erhebliche Auswirkungen auf den Kaufpreis. Es ist zu fragen, ob es wirklich Sinn macht, das Unternehmen gegen Zahlung eines größeren Betrages zu veräußern. Wie hoch sind die Steuern darauf? Sollte man stattdessen nicht eher das Unternehmen verpachten, den Kaufpreis über mehrere Jahre verteilen o.ä. ? Wie sichert man das ab? All das sind individuelle Fragen und müssen unbedingt mit einem versierten Steuerberater besprochen werden.

Auch die Frage des Verkäufers über die alternative Anlagemöglichkeit des erzielten Betrages ist von erheblicher Bedeutung. Denn mit diesem Geldbetrag muss möglicherweise die Altersversorgung bestritten werden. Die meisten Unternehmer sind nicht gesetzlich rentenversichert und somit für das Auskommen im Alter eigenverantwortlich.

Emotionale Faktoren

Auch emotionale Gründe beeinflussen die Kaufpreiserwartung. Nach 30 Jahren ist das „Lebenswerk“ für den Verkäufer oft subjektiv mehr wert als es für den emotional unbelasteten Käufer.

Vorläufiges Fazit

Bei der Berechnung des „Wertes“ eines Unternehmens und bei der Ermittlung eines möglichen Kaufpreises, sollten sich beide Parteien Gedanken machen. Und zwar nicht nur aus der Eigenperspektive, sondern auch aus der Sicht des potenziellen Vertragspartners. Die Preiskalkulation sollte möglichst realistisch sein und erst einmal den eigenen Kriterien und Prioritäten entsprechen und nicht die Berechnung der anderen Seite vorwegnehmen.