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Beratung & Betreuung · shape UP Business 1/2019

Medical Wellness

Laut Deutschem Medical Wellness Verband wird das dauerhaft begrenzte Budget der gesetzlichen Krankenkassen, Arbeitslosigkeit, eine demografische Entwicklung hin zu einer alternden Gesellschaft und eine hohe Zahl an chronisch Kranken dazu führen, dass sich die Gesundheitsausgaben auf Kernleistungen konzentrieren. Folglich wird dem Selbstzahlermarkt eine wachsende Bedeutung zukommen. Von diesem Kuchen können sich Sportstudios mit Medical Wellness-Angeboten eine großes Stück abschneiden.

„Medical Wellness beinhaltet gesundheitswissenschaftlich begleitete Maßnahmen zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensqualität und des subjektiven Gesundheitsempfindens durch eigenverantwortliche Prävention und Gesundheitsförderung sowie der Motivation zu einem gesundheitsbewussten Lebensstil”. Auf diese Definition haben sich unter anderem der Deutsche Tourismusverband, der Deutsche Medical Wellness Verband, der Deutsche Heilbäderverband und der Deutsche Turnerbund geeinigt.

Vorsicht, die Konkurrenz ist groß!

„Mit Medical Wellness ist konkret eine synergetische Kooperation aus Medizin und Wellness gemeint, die in ihrer Kombination mehr gesundheitliche Wirkung erzielt als jedes der beiden Kompetenzfelder für sich allein. Was im Klartext bedeutet: Medical Wellness kann mehr, als Medizin oder Wellness allein“, lässt das Sportstudio „Fit in Hahn“ verlauten. Es bietet unter anderem eine mechanische Unterwasser-Druckstrahlmassage an, die rundum gut tut und hilft, Verspannungen, Ermüdungen und Rückenprobleme zu beseitigen. Neben allerlei Equipment kommen auch gesundheitsorientierte Übungsformen wie Faszien- oder Vibrationstraining als Angebot von Studios infrage, ebenso Kurse gegen Rückenschmerzen etc. Und auch Kompetenz im Reha-Bereich ist sicher von Vorteil. Das Ganze dann noch von kompetentem Personal und ggf. ärztlicher Expertise begleitet, und schon ist man Anbieter einer zeitgemäßen und aufgrund der eingangs beschriebenen Situation zukunftsträchtigen Wellness-Form, die vergleichsweise günstig zu implementieren ist. Aber, Vorsicht, die Konkurrenz ist groß!

Medizin und Wellness können in ihrer Kombination mehr gesundheitliche Wirkung erzielen als jedes der beiden Kompetenzfelder für sich allein CrispyPork / shutterstock.com

Gesundheitsmarkt-Expertin Sandra Dörpinghaus, beschreibt, dass sich im medizinischen Wellnessmarkt zwei unterschiedliche Anbieter begegnen, die sich in einer nie zuvor dagewesenen Wettbewerbssituation befinden. Auf der einen Seite würden niedergelassene Ärzte, Krankenhäuser sowie Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen eine Chance sehen, ein neues Marktsegment zu erobern. Diese klassischen Einrichtungen des Gesundheitswesens erkennen das Marktpotenzial der Leistungen, die außerhalb des Kataloges der gesetzlichen Krankenversicherung liegen und entwickeln Angebote für das Medical Wellness Segment.

Auf der anderen Seite möchten Dienstleistungsanbieter, die am Rande der Gesundheitswirtschaft agieren, die Wachstumspotenziale der gesundheitsbezogenen Leistungen nutzen und drängen in den Markt: Hotels, Thermen und eben Sporteinrichtungen wie Fitnessstudios. Sowohl die medizinischen als auch die nicht-medizinischen Anbieter haben auf dem Medical Wellness Markt Vor- und Nachteile, die sich aus ihrer ursprünglichen Marktposition ergeben.

Nicht zu unterschätzen ist die Konkurrenzsituation im Medical Wellness-Bereich: auf der einen Seite Ärzte & Co, auf der anderen Dienstleister wie Sportstudios i viewfinder / shutterstock.com

Vor- und Nachteile der klassischen Einrichtungen des Gesundheitswesens

Krankenhäuser, Rehabilitationskliniken, aber auch niedergelassene Ärzte profitieren vor allem von ihrer medizinischen Expertise, aber auch von der Tatsache, dass sie bereits das Vertrauen der Kunden und Patienten gewonnen haben. Schwächen würden sich primär daraus ergeben, dass sich hier bislang nur wenig um eine systematische Geschäftsfeldentwicklung gekümmert wurde. Zudem entsprechen sowohl Image als auch die Atmosphäre der medizinischen Einrichtungen nicht den gängigen Wellness-Vorstellungen und sind negativ belastet. Auch das „Pampering“ der Kunden im Sinne einer erhöhten Dienstleistungsbereitschaft und ein professionelles Marketing sind, laut Dörpinghaus, in Krankenhäusern und Rehabilitationseinrichtungen weitgehend unbekannt. Insgesamt ergeben sich für die „Klassiker“ eine Reihe von neuen Anforderungen, denen sie sich anpassen müssen, um sich neben der Konkurrenz auch aus dem Dienstleistungssektor profilieren zu können.

Vor- und Nachteile von Dienstleistungsanbietern wie etwa Sportstudios

Die Vorteile der touristischen Anbieter sowie der Sportstudios, die sich im Feld des Medical Wellness betätigen wollen, liegen im Bereich der Entspannungs-Wellness und der alternativen Therapien; in diesem Bereich haben sie sich bereits eine gute Ausgangsposition geschaffen. Des Weiteren profitieren sie von einer Wohlfühl-Atmosphäre und der Vertrautheit den Nachfrager als Kunden und weniger als Patienten zu behandeln.

Schwächen sieht Dörpinghaus bei diesen Anbietern vordergründig in der fehlenden medizinischen Kompetenz (vor allem im Umgang mit Menschen, die unter Vorerkrankungen leiden) begründet, welcher bei Dienstleistungen im Medical Wellness Bereich eine hohe Aufmerksamkeit zuteil wird. Um der Gefahr fehlender Professionalität und Seriosität entgegen zu wirken, wird ein möglicher Ausweg in der Kooperation dieser Anbieter mit einer Klinik oder die Beschäftigung eines Arztes im Hause gesehen.

Vor- und Nachteile der Anbieter medizinischer Wellnessleistungen

Krankenhäuser, Vorsorge- und Rehabilitationskliniken, Kurkliniken, niedergelassene Ärzte

Vorteile

· Medizinisches Know-how

· Seriosität und dadurch resultierendes Vertrauen der Kunden

· Rehabilitationseinrichtungen und Kurkliniken: attraktive Lage und gute Infrastruktur

Nachteile

· Schulmedizin wird teils mit negativen Assoziationen wie Krankheit, sterilem Umfeld und Schmerzen verbunden

· Keine Wohlfühl-Atmosphäre

· Verwöhnen der Kunden noch unbekannt

· Fehlende Kreativität im Angebot

· Kein professionelles Marketing

Sporteinrichtungen, Hotels, Thermen

Vorteile

· Etablierte Anbieter von Wellnessdienstleistungen und alternativen Therapien

· Wohlfühl-Atmosphäre

· Dienstleistungsbereitschaft

Nachteile

· Fehlende medizinische Kompetenz und Erfahrung im Umgang mit Vorerkrankungen der Kunden

· Kein ganzheitliches Konzept, meist segmentierte Einzelangebote

Quelle: Illing, Kai-T. (2003): Neues Produkt und neue Märkte für Kliniken. Medical Wellness – der Weg in den 2. Gesundheitsmarkt. In: Krankenhaus Umschau, ku-Special Medical Wellness, H. 22, S. 2–5.

Fünf Erfolgsfaktoren

Ob die Potenziale des medizinischen Wellnesssegmentes letzlich auch genutzt werden können, hängt für Dörpinghaus von folgenden fünf Faktoren ab: Qualitätssicherung, Berufsbildung und Qualifizierung, Erreichbarkeit der Angebote, Transfer in den Alltag sowie der wissenschaftlichen Unterstützung.

1. Qualitätssicherung

Für die Zukunft von Medical Wellness wird es entscheidend sein, inwiefern es gelingt, Transparenz und Qualität zu sichern. Es gelte, sich nicht durch günstige Preise zu profilieren, sondern den Schwerpunkt auf die Qualität der Angebote zu legen. Ein besonderes Problem besteht darin, dass der Begriff Wellness keinem rechtlichen Schutz unterliegt und somit in Bezug auf jegliche Angebote genutzt werden kann. Wellness Qualitätssiegel mit einheitlichen Kriterien wären, so Dörpinghaus, nötig, um eine Orientierung innerhalb der Angebotsvielfalt sicherzustellen. Mittlerweile gebe es jedoch sowohl für den Wellness- als auch im Medical Wellness Bereich eine Fülle von unterschiedlichen Gütesiegeln mit sich unterscheidenden Anforderungskriterien, die für Verbraucher weniger eine Unterstützung darstellen, sondern vielmehr zur weiterer Unübersichtlichkeit beitragen.

2. Berufsbildung und Qualifizierung

Für die Reifung des Medical Wellness Marktes sind Anbieter auf die Verfügbarkeit professioneller Arbeit angewiesen. Jedoch: Einheitliche Wege der Aus- und Weiterbildung gibt es bislang aber nicht. Vielmehr bestehe ein Nebeneinander unterschiedlichster Berufsgruppen mit verschiedenen Qualifikationen; diese Spanne reiche von traditionellen Berufen mit geregelten Ausbildungswegen wie Masseurinnen und Masseuren bis hin zu Absolventen neuartiger Weiterbildungskurse wie dem IHK-zertifizierten Lehrgang zum Wellnessberater, sowie im Bereich der privaten Weiterbildungsanbieter von Lehrgängen zum Wellnesstrainer oder -therapeut. Dörpinghaus führt hier die Stiftung Warentest an: „Statt einer zukunftsträchtigen Professionalisierung und Qualitätssicherung finden sich auf dem Weiterbildungsmarkt ungenaue Kurstitel, ungeregelte Berufsbilder und fehlende Standards der Abschlüsse; die Einsatzchancen der meisten der Aus-, Fort- und Weiterbildungsangebote sind eng mit beruflicher Vorerfahrung und einer Erstausbildung in den Bereichen Kosmetik, Fitness, Gesundheit oder Tourismus verknüpft“.

3. Erreichbarkeit der Angebote

Hier geht es unter anderem um gesundheitliche Ungleichheit. So wird der Zusammenhang zwischen Bildung, beruflichem Status und Einkommen auf der einen und dem Gesundheitszustand auf der anderen Seite bezeichnet. Studienergebnisse dazu, lassen sich, wie folgt, zusammenfassen: Personen mit niedriger Bildung, geringerer beruflicher Stellung und niedrigerem Einkommen sterben in der Regel früher und leiden häufiger an gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Untersuchungen zur gesundheitlichen Ungleichheit weisen darauf hin, dass deren Ausmaß durch Angebote der Prävention und Gesundheitsförderung erheblich beeinflusst wird. So könne eine Konzentration auf Maßnahmen für die unteren sozialen Schichten dazu beitragen, die gesundheitliche Ungleichheit zu verringern. Aufgrund der Tatsache, dass fast alles, was mit (medizinischer) Wellness zu tun hat, von den Konsumenten privat finanziert wird, profitieren allerdings bislang besonders die einkommensstarken Teile der Bevölkerung von gesundheitsfördernden Produkten und Dienstleistungen. Zugleich werden Angebote, die auch den nicht so Begüteten offen standen (wie die Kur), systematisch zurückgefahren. Hier kann ein Fitnessstudio mit seinen überschaubaren Beiträgen, anders als etwa das Luxus-Spa-Hotel, punkten. Allerdings muss das natürlich gewollt sein und dann auch kommuniziert werden.

Das hat nicht nur etwas mit Herz zu tun: Angebote für den kleinen Geldbeutel, wie sie Fitnessstudios leisten können, dürften zunehmend gefragt sein MiniStocker / shutterstock.com

4. Transfer in den Alltag

Sandra Dörpinghaus schreibt: „Medical Wellness, verstanden als eine gezielte Vorbeugung, Heilung und Linderung von Krankheiten, kann nur unter der Prämisse nachhaltig tragfähig und Erfolg versprechend sein, wenn es gelingt, einen gesundheitsfördernden Lebensstil auch im Alltag zu integrieren“. So dürfe sich Medical Wellness nicht nur auf den Gesundheitsurlaub beschränken, sondern muss auch Angebote am Wohnort mit einschließen, was ja fast schon als Plädoyer für den Fitnessclub verstanden werden kann. Bei Medical Wellness ginge es im Übrigen auch um Verhaltensmedizin, sprich eine Änderung des Verhaltens und der Einstellungen im Sinne einer besseren Gesundheit oder auf der Grundlage einer Diagnose. Dazu bedarf es an Wellness-Experten (siehe Punkt 2), welche die spezifischen Änderungen der Lebensweisen vermitteln können und natürlich an Kundinnen und Kunden, die das gewonnen Wissen beherzigen und in ihre alltägliche Praxis einbinden.

5. Wissenschaftliche Unterstützung

Das Thema (Medical) Wellness ist in der deutschen wissenschaftlichen Forschung bislang noch nicht weit verbreitet. „Gerade im Wellnessbereich besteht bislang noch ein Defizit an gesicherten Forschungsergebnissen“, zitiert Dörpinghaus aus dem Buch „Der Wellness Faktor“ von Reno Barth und Christian Werner. Vorliegende Studien, zumeist zu den Umsatzzahlen der Branche, würden vorwiegend von Unternehmensberatungen stammen, welche die Gesundheitswirtschaft allgemein wie auch den Bereich Medical Wellness speziell als neues Geschäftsfeld erschließen möchten. Diese Dominanz der Studien aus dem wirtschaftlichen Bereich sei jedoch auch kritisch zu betrachten. Es fehlt bislang unter anderem an wissenschaftlicher Grundlagenarbeit zum Thema Medical Wellness zur Bewertung der Angebote hinsichtlich Qualität, Kosten und Nutzen sowie zur Überprüfbarkeit der Gesamtidee von Medical Wellness als gesundheitsförderlicher Lebensstil. Zwar könne so die finale Wirksamkeit der einzelnen Medical Wellness Angebote nicht genau beurteilt werden, dennoch würde die geleistete Forschungsarbeit schon dazu beitragen, die grundlegende Legitimation für Medical Wellness zu schaffen sowie Rückschlüsse auf Qualifikationsanforderungen, Zugangswege etc. zu liefern.

Das Gesundheitsmodell der Zukunft

Medical Wellness ist nicht nur ein neues Marketing-Schlagwort. Betreiber führender Medical Wellness-Resorts und internationale Experten für die Wellness- und Gesundheits-Branche bezeichneten auf der ITB in Berlin, einer Fachmesse der internationalen Tourismus-Wirtschaft, Medical Wellness als das Gesundheitsmodell der Zukunft. Es öffnet neue Perspektiven für die Zusammenarbeit von Wellness-Einrichtungen mit Ärzten, Physiotherapeuten und Krankenkassen. Branchengrenzen lösen sich auf und neue Möglichkeiten der Kooperation entstünden.

Kunden werden medizinisch durchgecheckt während sie im Wohlfühlambiente neue Energien auftanken. Angebote wie Cardio-Scan, Fitness-Check oder Osteopathie machen das Medical Wellness-Anbieter zu Vermittlern qualifizierter Gesundheitsvorsorge. Das Medical Wellness-Resort und (Anmerkung: sicher auch die Medical-Wellness orientierte Sporteinrichtung) können sich so zum Dreh- und Angelpunkt eines lebenslangen, persönlichen Gesundheitsmanagements entwickeln.

Quellen:

Deutscher Medical Wellness Verband e.V. / Fitness in Haan / ITB Berlin/ Sandra Dörpinghaus: Medical Wellness – Zukunftsmarkt mit Hindernissen, Institut Arbeit und Technik (Zentrale wissenschaftliche Einrichtung der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen Bocholt Recklinghausen in Kooperation mit der Ruhr-Universität Bochum)